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Anna Witt

1981 geboren in Wasserburg am Inn | lebt und arbeitet in Wien
Förderprojekt 2008

Die Preisträgerin 2008 Anna Witt wurde 1981 in Wasserburg am Inn geboren und studierte parallel an den Akademien in München und Wien bei Magdalena Jetelova und Monica Bonvicini. Ihre Video-Arbeiten basieren zumeist auf performativen Eingriffen im öffentlichen Raum, so z.B. die Arbeit „PUSH“, in der die Künstlerin mit ihr fremden Passanten in Venice Beach die klassische, uns allen aus Hollywood-Krimis nur zu bekannte Verhaftungsgeste nachstellt. Die meist einfachen körperlichen Handlungen werden von Witt in eine formal strenge Bildsprache übersetzt und dann installativ umgesetzt. Über diese Art körperlich-physischer Interaktion öffnet Witt ganz neue Perspektiven auf grundlegende sozio-politische Themenfelder. Die Jury – bestehend aus zwei Mitgliedern der Gründerfamilie von Columbus Holding und dem Direktor der Columbus Art Foundation sowie den beiden externen Mitgliedern Konrad Bitterli (Kurator, Kunstmuseum St. Gallen) und Hans-Jürgen Hafner (freier Kritiker, Autor und Ausstellungsmacher, Berlin) – überzeugte dabei vor allem das spürbare Vertrauen auf die Kraft der Bilder, die sich eben nicht auf soziokulturelle Kommentierungen zurück ziehen.



2002-2008 Akademie der Bildenden Künste in München
2008 Diplom / Meisterschülerin bei Magdalena Jetelova
2005-2008 Akademie der Bildenden Künste Wien
Performative Bildhauerei bei Monica Bonvicini
2008 Diplom


Auszeichnungen, Stipendien
2006 Leif Rumke Preis
2005 Vollstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes

Ausstellungen
2009 ME, Galerie Michael Wiesehöfer, Köln (mit Julia Gröning)
2008 +10|2008 - shortlist Columbus Förderprojekt, Columbus Art Foundation, Leipzig
Manifesta7
, Nord Italien
Rec Mode, Gallery Valentina Moncada, Rom
Bidoun´s Cinema, Artfair Dubai
2006 St. Mungo and me, Lightbox Gallery, Los Angeles
Leif Rumke Preis, Lotringerhalle13, München
Traurig sicher, im Training, Grazer Kunstverein


Werke (Sammlung Columbus)


Geld zu finden
| 2003/2008 | Video, 9 min



In der Galerie war eine alltägliche Wohnsituation installiert, in der 400 Euro versteckt waren. Die Besucher wurden dazu eingeladen, ohne Rücksicht auf den Erhalt der Installation, nach dem Geld zu suchen. Gefundenes Geld durfte behalten werden.
Das Publikum bestimmte den ästhetischen Prozess des Raumbildes und wurde zum aktiven Bestandteil der Installation. Emotional entstand eine prekäre Situation. Nach der 3-stündigen Eröffnung war die komplette Einrichtung zerstört und ein Großteil des Geldes gefunden. Durch die Lage der Galerie, in einer belebten U-Bahn Station, mischte sich das übliche Ausstellungspublikum mit den verschiedensten Milieus. Die anfängliche Vorsicht steigerte sich schnell in einen lustvollen Prozess der Zerstörung.
2008 entstand aus dem Dokumentationsmaterial ein Video, welches sich von der linearen Abfolge löst und die athmophärische Kraft des Such- und Zerstörungsprozesses thematisiert.




Push | Venice Beach, 2006 | Video, 6 min



Ich fragte Passanten in Venice Beach, mich auf die Motorhaube eines naheliegenden Autos niederzudrücken. Ein alltägliches Motiv einer Verhaftung aus den Straßen Los Angeles und ein klassisches Motiv der ansässigen Hollywood Filmproduktion. Im Gegenzug vollziehe ich die gleiche Handlung an ihnen.




Import Export Life Conditions
| 2005-2006 | Installation, verschiedene Medien



Was ist der Wert eines Körpers in Mexico City, einer Stadt mit 20 Mio. Einwohnern, auf dichtestem Raum? Was ist der Wert meines Körpers in so einer Stadt? Ich soll eine Arbeit realisieren in Mexico City, ich habe 10 Tage Zeit und ich kenne diese Stadt nicht. In Berlin habe ich eine Ausstellung gesehen mit dem Titel „Mexico City: Eine Ausstellung über die Wechselkurse von Körpern und Werten“. Sie wurde nach Europa und in die USA zum repräsentieren transportiert. Aus dem Ausstellungskatalog: Osvaldo Sanchez schrieb „Ich weiß nicht, ob man das Nationale als einen moralischen Wert zu verteidigen habe oder als irgendeinen anderen Wert gegen das Globale. Doch wir wissen, dass uns das Nationale einen falschen Zustand von einer Einheit in Zeit und Raum anbietet. Es erstaunt mich, dass wir immer noch so tun, als würden wir nicht sehen, dass das Nationale ein Konstrukt des Staates ist, als Bezugssystem internationalisiert und keinen anderen Kontext darstellend als den des Zwangs.“ Die Ausstellung blieb mir gut im Gedächtnis, denn sie wurde zu meiner Assoziation mit dieser Stadt, bevor ich sie kennen lernte.
Francis Alÿs fotografierte Händler bei ihrem täglichen Weg zur Arbeit, beim schieben oder ziehen ihrer Güter. Ihr körperlicher Aufwand steht in direktem Verhältnis zum ökonomischen Wert ihrer Ware. Ich war fasziniert real zu beobachten wie diese Händler riesige Berge von Gütern auf kleinen Sackkarren transportieren. Diese Wägen nennt man Diablito, übersetzt: kleiner Teufel. Mit Hilfe eines Bankers, den ich auf der Strasse kennen lernte, überredete ich einen Straßenhändler mir seinen Diablito zu verkaufen. Sobald ich dieses Gerät bei mir hatte, fühlte ich mich seltsam sicher und eingebunden in die Normalität der Stadt. Obwohl ich sichtlich mehr Aufsehen erregte als ohne. Die Händler konnten sich nicht erklären, was ich als weiße, offensichtliche Touristin mit so einem Wagen vor habe. Mit dem Diablito und meinem restlichen Gepäck machte ich mich auf den Weg zum Flughafen.


Der Taxifahrer band die Sackkarre lose auf das Autodach, was zur Folge hatte das sich auf der Schnellstraße die Befestigung löste und der eiserne Wagen auf den Kofferraum und dann auf der Strasse krachte. Am Flughafen Mexico checkte ich ohne Probleme ein. Nach meiner Landung in Deutschland importierte ich den Wagen per Bahn nach Österreich. Was für einen Wert hat ein solches Objekt hier, seiner eigentlichen ökonomischen Umgebung entrissen? Ich frage mich auch, was es zur Folge hat , eine Arbeit seiner lokalen Bestimmung zu entreißen und in eine vollkommen andere Umgebung zu transportieren. Für die Installation möchte ich ein einfaches weißes Metallgitter verwenden, wie es bei Mexikanischen Händlern zum Bau ihrer Stände üblich ist. Doch schnell merke ich dass so etwas aufzutreiben wesentlich größere Umstände bereitet als ich dachte. Ist das Material aus der Mode geraten? Hat es zu mindere Qualität? Oder entspricht es nicht unseren ästhetischen Vorstellungen?
Santiago Sierra ist wie Francis Alÿs „Wahlmexicaner“. Beider Wurzeln liegen in Europa, wie Sierra ausdrückt „der künstlich am Leben erhaltenen Blase der Ersten Welt.“ Santiago Sierra bezahlte kubanische Prostituierte, sich für den Wert eines Schuss Heroins eine Linie auf den Rücken tätowieren zu lassen. Diesen Strich lasse ich auf meinem Körper fortsetzen. Ich zahle 400 Pesos dafür. Würde ich die Frauen ausfindig machen und mich mit ihnen in einer Reihe aufstellen, ergäben wir eine Linie, ein Bild. Haben unsere Körper die gleiche Währung? Die frische Wunde der Tätowierung auf meinem Rücken nimmt mich mehr mit als ich dachte, ich fühle mich irgendwie angegriffen. Naja, ein Versuch den Grenzwert meines Körpers auszutesten. Der Strich bleibt für immer. Am gleichen Tag noch bekomme ich eine Knarre an den Kopf gehalten und ich erfahre die Reaktion meines Lebenserhaltungsinstiktes. Ich laufe nicht weg, sondern mache einfach die Augen zu und reagiere nicht.