Nada Sebestyéngeb. 1968 in Gießen | lebt und arbeitet in Berlin Förderprojekt 2004 > für weitere Werkabbildungen bitte ins bild klcken Ausbildung
Ein Mantel als Haus Über das Werk von Nada Sebestyén „Wohnen“ hat mit Gewohnheit und mit dem Gewöhnlichen zu tun, also mit einer Stimmung, bei der man seiner Umgebung vertraut, und daher nicht auf sie achtet. Und „Wagen“ hat mit Wagnis zu tun, mit Fahren und Erfahrung, also mit einer Stimmung, bei der man seine Umgebung beobachtet, weil sie nicht vertraut ist. (Vilém Flusser, Von der Freiheit des Migranten, 1994) Wohnräume, Behausungen und die Frage nach dem Verhältnis von Heimat und Fremde sind im Werk von Nada Sebestyén seit jeher wichtige Koordinaten. Während die traditionellen bildhauerischen Arbeiten aus den Jahren 1991 bis 1997 einem imaginären Bewohner ihrer Kunsträume gewidmet waren, stehen seit ihrem Aufenthalt in New York (1998) textile Materialien und die Herstellung von Kleidung im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit. Die Moving Clothes sind aus amerikanischen Umzugsdecken hergestellt, die von Umzugsunternehmen benutzt werden, um die Möbel beim Transport zu schützen. Der Moving Coat ähnelt in seiner Funktion einem Zelt, das beweglich sein muß und den Reisenden dennoch beschützen und umhüllen soll. Neben diesenDecken werden auch Segeltücher und Zeltplanen verarbeitet: Materialien, die sich neben der hohen Belastbarkeit durch ihre Bedeutung für den mobilen Einsatz auszeichnen und Spuren des Gebrauchs tragen. Daraus entstehen Mäntel, Capes, Röcke, Hosen und Umhänge, die unterschiedliche Gestaltungsprinzipien aus den Bereichen Mode, Design und Kunst aufgreifen und miteinander verknüpfen. Während eines Arbeitsstipendiums in Istanbul (2000) entstehen die Fotocollagen der Serie Neubau, die als Entwürfe für bewohnbare Strukturen in erdachten Landschaften zu verstehen sind. Häuser, Hütten und Unterstände stehen in Gegenden, die aus Ägypten, Kreta und Brandenburg montiert sind; in denen immer wieder Gebirge, Wüste und Wasser auftauchen. Oft sind die Behausungen Randerscheinungen auf den Blättern, die bis 120 cm groß sind, manchmal sind tiefe Baugruben oder zerklüftete Fassaden zentral ins Bild gesetzt. In ihrer Machart entsprechen diese Collagen den gecekondu. Das sind Hütten, die seit Anfang der achtziger Jahre aufgrund des explosionsartigen Bevölkerungszuwachses aus dem Osten illegal auf brachliegendem Land am Stadtrand von Istanbul aus einfachsten Materialien über Nacht gebaut wurden. Das collagenhaft Erbastelte dieser temporären Bauten, die immer wieder erweitert und schließlich zu soliden Häusern wurden, ist Thema und zugleich künstlerisches Arbeitsprinzip im Werk von Sebestyén. Während unterschiedliche Elemente in den Fotocollagen auf der Fläche aufeinandertreffen, nehmen sie in Panoramaund All räumliche Gestaltan. Panorama ist eine teppichartige Decke, All ein Mantel, zusammengesetzt aus Kleidungsstücken unterschiedlichster Provenienz. Die plastischen Arbeiten wirken wie Teile einer Reiseausrüstung und verbinden die Idee der Moving Clothes mit den Siedlungsentwürfen der Collagen. Das Nomadentum ist eine mobile, auf Wanderschaftbasierende Lebens- und Wirtschaftsweise, die das Wohnen nicht kennt. Unterwegs zu sein ist auch die Verfassung des Migranten; eine Haltung, für die NadaSebstyén sich interessiert und eine Situation, der sie sich immer wieder aussetzt. Sie hat in New York undin der Türkei, in Accra (Ghana) und Karachi (Pakistan), in China, Ägypten und der Mongolei Erfahrungen gesammelt, die sich in ihrem künstlerischen Projekt niederschlagen. Sie möchte überall sein können, nicht nirgendwo zu hause sein. Markus Lepper | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||