Johannes Maiergeb. 1971 in Ulm | lebt und arbeitet in London Förderprojekt 1998 ![]() Ausbildung
Fragen ohne Antworten In „mediated.cooperation“, einem Video, das 2002 entstanden ist, zeigt Johannes Maier eine Art Pressegespräch zwischen der Malerin Sophie von Hellermann und dem Kunstkritiker Ralf Christofori, das vor Publikum stattfindet. Während Christofori unermüdlich Fragen an die Künstlerin stellt, bleibt diese stumm. Eine befremdliche Situation, die Christofori als „worst case eines gierigen medialen Schauplatzes“ bezeichnet. Die Intention einer Pressekonferenz –nämlich Fragen zu beantworten– wird ad absurdum geführt, es findet keine verbale Kommunikation statt. Johannes Maier instrumentalisiert Situationen – in diesem Fall ein Pressegespräch, die uns allen aus der Medienwelt als eine alltägliche Form der Kommunikation vertraut sind. Die Teilnehmer mit ihren gespannten Gesichtern und die Fotografen im Publikum, die Sophie von Hellermann immer wieder ins richtige Licht rücken, tragen alle zur Erwartungshaltung des Zuschauers bei, der vergeblich auf die Antworten der Fragen wartet. Johannes Maier realisiert seine Ideen und künstlerischen Konzepte mit großem Aufwand. Das Gespräch mit Sophie von Hellermann fand tatsächlich anlässlich einer Ausstellung der Künstlerin statt, die von Maier organisiert wurde. Mit filmischen Mitteln dekonstruiert der Künstler dieses Gespräch. Er ersetzt die Antwort der Künstlerin durch einen unvermitteltenSchnitt und zeigt die Künstlerin vor einem ihrer Werke. Diese kurze Einblendung ist schwarz-weiß und bricht die Situation dadurch ein weiteres Mal. Der Künstler stellt selbst Fragen: er evoziert eine Reflektion des Mediums Fernsehen und wirft die Frage nach der Authentizität auf. Gewissermaßen mit seinen eigenen Mitteln wird hier eine scheinbar reale Mediensituation manipuliert und ruft dem Betrachter ins Gedächtnis, dass Berichterstattung nur bedingt neutral ist. Dieser Ansatz steht auch im Mittelpunkt der Fotoserie „Egoshooter“, die parallel zur Videoarbeit „ego shot egos“ entstanden ist. Jugendliche werden beim Computerspielen gezeigt, die digital bearbeiteten Filmstills portraitieren die Spieler vor ihren Bildschirmen. Diese „Counter-Strikespieler“ die unter den Namen „Neo, Gigs, Eisenherz, Tiok 65 und Nahkampf Rochen“ auftreten, die sie den Namen der Computerspiele entleihen, stellen sich dem Betrachter frontal. Ihre Gesichter reflektieren den Schein der gegenüberliegenden Bildschirme. Johannes Maier belichtet sie vor schwarzem Grund hinter Glas aus. So werden nicht nur die Gesichter doppelt sichtbar, sondern auch die Umgebung wird auf der Glasoberfläche wiedergespiegelt. Der Künstler selbst meint dazu„Es ist das Abbild und Spiegelbild des Spielers und des Betrachters zugleich. Es ist die Vorstellung einer Persönlichkeit im Gegenlicht einer virtuellen Welt.“ Wahrnehmung und dabei unbewusst ablaufende Verhaltensmuster sind Gegenstand des Projekts „fan.leader“ aus dem Jahr 1998. Im Wechsel werden reale Szenen aus einem Fußballspiel und teils rekonstruierte Einstellungen von singende Fußballfans im Stadium gezeigt. Partiell werden die Fans durch schwarzgekleidete Chorsänger ersetzt. Musikalisch unterlegt wird diese Collage aus Original und Kopie durch die Gesänge des Chors, der bekannte „Fanlieder“ singt, allerdings auf seine klassische Art. Die Vorgehensweise des Künstlers haben den Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez zu folgender Überlegung veranlasst: „Was Sie in Ihrem Film darstellen, würde ich aus musikwissenschaftlicher Perspektive als den Versuch einer „Klangfarbensemantik“ bezeichnen. Was meine ich damit? Im Film werden „Klangwelten“ und „Lebenswelten“ in so geschickter Weise montiert, dass der Zuschauer zunächst nur das Gefühl einer Unstimmigkeit hat, wenn die Klangwelt „Chor“ und die Lebenswelt „Fankurve“ trotz gleicher Symbole (Fanschal) nicht kongruent sind. Offensichtlich verwenden wir ein Wahrnehmungsmuster, bei dem Klangfarbe als Indikator sozialer Gruppenzugehörigkeit dient. Diese Kategorisierung läuft schnell und unbewusst ab. Ästhetisch reizvoll ist es nun, im weiteren Verlauf des Films bei diesem Vexierspiel der verschiedenen Bild-Ton-Kombinationen das klanglich Authentische vom Konstruierten zu unterscheiden. Bei diesem Prozess lernt der Betrachter letztlich auch etwas über seine eigenen Urteilsstrukturen, nämlich dass die Fangesänge mit ihrer vermeintlich „rauhen“ akustischen Oberfläche genau so klingen müssen, damit sie authentisch sind“. Die Doppeldeutigkeit des englischen Titels, der – wenn er ausgesprochen wird – nicht eindeutig vom deutschen Word „Fanlieder“ unterschieden werden kann, bringt ein weiteres Mal den künstlerischen Ansatz zum Ausdruck: wie nehme ich wahr und welchen unbewussten Prozessen bin ich dabei unterworfen? Was für eine Funktion nimmt die Sprache ein? Irritation und das Gefühl „nicht im Bilde zu sein“ provozieren die Videoarbeiten von Johannes Maier beim Betrachter. Hier wird deutlich, dass der Künstler Maier aktiv steuert, welche Informationen wir als Zuschauer bekommen. Alles wird seinen Regeln unterworfen, die einen hermeneutischen Raum erzeugen. Er befragt kritisch die Medien und mediale Bildwelten und macht die Diskrepanz deutlich zwischen „einer Welt wie sie ist“ bzw. einer „Welt, wie sie in den Medien konstruiert wird“. Sehen und Wahrnehmen als die grundlegend analytische Fähigkeit werden in den Mittelpunkt gerückt. Bettina Högner | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||