Myriam Holmegeb. 1971 in Mannheim | lebt und arbeitet in Mannheim Förderprojekt 2004 > für weitere Werkansichten bitte ins Bild klicken Ausbildung
Der Zustand der Dinge ist ein Wirrwarr, ist verknäult wie eine Schnur, ein langes Kabel, ein Wollfaden. (...) Der Zustand der Dinge erscheint mir als eine Vielzahl einander überkreuzender Verhüllungen, deren Geflecht eine Projektion darstellt. Der Zustand der Dinge ähnelt einem zerknitterten, gekräuselten, in Falten gelegten Stück Stoff mit Fältelungen und Volants, Fransen, Maschen und Schnurbesatz. (Serres, Michel: Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische, Frankfurt 1998, S. 105.) Wenn du dich den Arbeiten von Myriam Holme näherst, dann erinnere dich an diese textile Metapher, an die Beschreibung des Zustands der Dinge als Anhäufung von Geweben, als eine von tausenderlei möglichen Anordnungen. Der Zustand der Dinge in Myriam Holmes Collagen und Installationen, in ihren Arbeiten auf Holz und Papier, auf Aluminium und Stoff gleicht einem in sich verwobenen Zusammenspiel von Farben und Formen, Materialien und Bezügen, das der Erfahrung des Wirrsals einen Raum der Sinne bietet. Typische Elemente, die immer wieder in Myriam Holmes Arbeiten auftreten, sind betont einfache Materialien wie Bambusstäbe, Fäden, Drähte, Papier und Schnüre. Dazu kommen Glas- und Lackfarben, Acrylfarben und Beize, die mit ihren Trägern – zumeist Pappelholz oder Aluminiumplatten – in einem komplexen Verhältnis der Abstoßung, Abperlung und Vermischung, der Absorption und Isolation stehen. Auf die Vielfalt der Farben, Töne, Schattierungen und Klänge, die sich aus der Kombination unterschiedlicher Materialien ergeben, muss man achten in Myriam Holmes Arbeiten. Opake Pfützen dunkler Beizebilden sich auf ungleichmäßig grundierten Aluminiumplatten, die auf ihren Rückseiten noch die Spuren ihrer ursprünglichen Verwendung als Siebdruckplatten tragen. In den Vertiefungen dieser Platten umgeben scharfe Ränder verblasster Acrylfarbe einsame Reste abgeperlter Glasfarben wie ausgetrocknete Seen, während die durstigen Fasern des hellen Holzes der Pappel sämtliche Farben wie ein Löschblatt absorbieren. Über diese vielschichtige Topographie der Farben legen sich die Spurenfarbgetränkter Schnüre, die gestisch-expressiv über die Oberfläche der Bilder geschlagen sind. In neueren Arbeiten wie biedensand oder näherträumend appliziert Myriam Holme ihren Bildern eine zweite Ebene aus Schnüren, Fäden, Draht oder Blech. Die Elemente, die auf diese Weise der Bildfläche vorgehängt werden, treten aus der Fläche heraus und nehmen eine Richtung auf, die in der feinen Punzierung der Aluminiumplatten schon verknotete und verwobene Fäden hängen vor dem Bildgrund herab, gezwirbelter Draht, Stäbe und Bambus überführen die Bewegungslinien der Zeichnung in die dritte Dimension der Installation. Komplexe, weit in den Raum ausgreifende Installationen und flache, im Zweidimensionalen verbleibende Arbeiten wie pega, asiamoder quaarunterscheidensich hierbei nur graduell. Denn je mehr Details in der subtilen Textur von Myriam Holmes Arbeiten aufeinander treffen, je nuancenreicher die feinen Abstufungen der Farben und Oberflächen, desto vielfältiger wird das Spiel der Harmonien und Dissonanzen, das sich aus der unterschiedlichen Stofflichkeit des Materials ergibt, desto lebendiger und engmaschiger das Netz der Bezüge zwischen den einzelnen Elementen. Wenn du dich den Werken von Myriam Holme näherst, ist es wichtig, dich nicht nur auf den Gesichtssinn zu verlassen. Auch wenn man die Arbeiten von Myriam Holme nicht berührt, so spielen doch die taktilen Eigenschaften der Materialien oder der lautmalerische Klang des Titels eine ebenso wichtige Rolle wie das Visuelle des Formalen. Holz strahlt etwas anderes aus als Blech, Stoff hat eine andere Haptik als Papier. Selbst der Geruch scheint, so meint man zumindest, etwas zu dieser spezifischen Sinnlichkeit der Arbeiten von Myriam Holme hinzuzufügen. Ebenso muss auf den Klang der Titel, der den Arbeiten so assoziativ wie ein über das Bild gehängter Faden beigegeben ist, geachtet werden. asteri zum Beispiel, der Titel einer Arbeit, die aus einer waagrecht gehängten Holzkonstruktion und einer darunter platzierten Bahn aus bemaltem und besticktem Fahnenstoff besteht, bedeutet auf griechisch Stern, trägt aber gleichsam das deutsche Wort Ast in sich. Der spitze Ast und der strahlende Stern beides nimmt man in asteri wahr. Es ist diese Offenheit, das nicht konkret Benennbare, was den Arbeiten von Myriam Holme ihren mythischen, rätselhaften Charakter verleiht. Häufig sind die Titel persönliche Begriffsschöpfungen. Biedensand assoziiert Landschaft, meerdurchstäubte, bukka oder fefee eine Welt, die hinter dem Sichtbaren der Arbeiten metaphorisch steht. Offen bleibt die Bedeutung der Materialien, offen der Verweis, den uns der Titel verspricht. Viele dieser Titel entstammen den Gedichten von Paul Celan; die von der Künstlerin bewusst eingesetzte Nähe zu den Schriften des französischen Philosophen Michel Serres drückt sich im Entstehungsprozess der Arbeiten, in einer bestimmten Sensibilität des collagierenden Umgangs mit Worten und Gegenständen aus. Die Möglichkeit, mit allen Sinnen in etwas zu sein, die Michel Serres in seiner Philosophie der Gemische und Gemenge beschreibt, scheint dabei die Voraussetzung für ein Verständnis der Arbeiten von Myriam Holme zu sein. Die in sich kreisende Bewegung der Annäherung und Abstoßung, des Verständnisses und Unverständnisses, des Findens und Verlierens, mit der sich der Betrachter in das Werk von Myriam Holme begibt, gleicht einer Haltung, die Michel Serres mit den Worten beschreibt: Wir waren so bewegt, dass wir die Farbe wechselten, Pfauenfeder auf Regenbogen, Spektren, die plötzlich instabil werden. Du umarmst mich chiniert, ich verlasse dich moiriert; ich umarme dich als Netz, du verlässt mich als Bündel. Wir streicheln uns entlang der Höhenlinien, wir überlassen uns vielfältigen Knoten, in Umarmungen, die ihre Position gewechselt haben. (Vgl.: Ebenda, a.a.O., S. 27 f.) Philipp Ziegler | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||