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> für einen Blick in die Ausstellung, bitte ins Bild klicken. (Fotos: Werner Hannappel)


politics. ich-ichs-wir

Alexander Kluge, Barbara Köhler, Thomas Locher, Mark Lombardi,
Jan J. Schoonhoven, Albrecht Tübke & Anna Witt



Die Ausstellung "politics. ich-ichs-wir" umkreist das Verhältnis des ,ich‘ zum ,wir‘, zielt also auf ein Zentrum unseres politischen und gesellschaftlichen Miteinanders. Die Werke von Alexander Kluge, Barbara Köhler, Thomas Locher, Mark Lombardi, Jan J. Schoonhoven, Albrecht Tübke und Anna Witt provozieren eine Auseinandersetzung, die sich paradoxerweise ebenso selten auf konkrete politische Inhalte reduzieren wie ins Utopische weiten lässt. Sie treffen Aussagen, aber finalisieren diese nicht, um so ein explizites Sich-Verhalten des Betrachters zu provozieren. Das wiederum ermöglichte es, die Ausstellung nicht thematisch, sondern über die dialogischen Öffnungen der gezeigten Werke zu organisieren. Es geht um eine spezifische Aufmerksamkeit auf die Grundfragen des Miteinanders: die Ausstellung als Arbeitsraum, als vermittlungsfreier Lernort.

"Früchte des Vertrauens" von Alexander Kluge (*1932) ist eine überbordende knapp elfstündige Materialsammlung, die im Anschluss an die Finanzkrise um die Begriffe Geld und Vertrauen kreist. Kluges Video-Essay wirkt wie eine vielstimmige Anregungsarena, in der gesprochene wie geschriebene Texte, Bilder, Interviews, Szenen und Kurzfilme den Zuschauer informieren, irritieren und – nicht zuletzt – amüsieren. Kluge beobachtet die Krise und ihre Folgen mit einem Höchstmaß an Neugierde. Thomas Locher (*1956) befragt mit seinen Werken Bedingungen und Chancen von Kommunikation. Die Basis bildet eine fortschreitende Arbeit an Sprache, die vom Betrachter eine komplexe anschauliche Lektüre fordert. In "politics" zeigt Locher einerseits Werke, in denen kommunikationstheoretische Texte die Basis liefern und andererseits Werke, die die textliche Organisation unserer politischen wie ökonomischen Systeme untersucht. Mark Lombardi (1951–2000) skizziert in seinen Zeichnungen die eng geknüpften Netzwerke von Politik, Ökonomie und Verbrechen. Er nennt Namen von Personen, Unternehmen und Organisationen. Nicht selten sind diese aufgezeichneten Namen nur allzu bekannt – im Gegensatz zu ihren Verbindungen. Lombardis narrative Strukturen legen diese Verflechtungen offen, bleiben dabei aber ganz zurückgenommen, ganz in ihrer Struktur gefangen. In den Diagrammen werden die Beziehungsgeflechte – wie in der Realität – nicht offensichtlich, sondern müssen vom Betrachter en Detail erarbeitet werden. Jan J. Schoonhoven (1914–1994) geht es in seinen, vom Seriellen geprägten Zeichnungen und Reliefs „um eine Form der Organisation. Organisation der Elemente in dem Sinne, dass die Organisation das Wesen des Elements nicht abändert, sondern es verstärkt; vielleicht das Element als solches abändert, aber in dem Sinn, dass ein neues Ganzes entsteht, dessen Wesen nicht im Widerspruch steht zum Wesen des Elements.“ Die Aneinanderreihung des immer gleichen offenbart beim näheren Hinsehen die Differenz jedes einzelnen Elements. Erst die minimalen Differenzen und die wenig ,perfekte‘ Machart provozieren die Frage nach dem Verhältnis des einzelnen zum Ganzen, was dann vielleicht auch etwas über unsere Verhältnisse aussagen kann. In seiner Fotoserie der ›Citizens‹ zeigt Albrecht Tübke (*1971) einzelne Passanten als Ganzfiguren, die gelassen den Betrachter ansehen. Die Intensität dieses Gegenübers unterläuft die Flüchtigkeit von Begegnungen im öffentlichen Raum. Die minimalistisch reduzierten Bildhintergründe reichen aus, um die Referenz auf den öffentlichen Raum und seine anonymisierten Begegnungsformen zu erhalten. Was wir sehen, sind Menschen, die sich – oder zumindest die öffentliche Inszenierung ihres Selbst – auch zeigen wollen. Auf eigentümliche Weise bleiben diese Bilder diskret und ermöglichen gerade darin die Begegnung mit einem Anderen. Die Video-Arbeiten von Anna Witt (*1981) basieren zumeist auf performativen Eingriffen im öffentlichen Raum. Manchmal ist es die Künstlerin selbst, die uns handelnd begegnet, manchmal sind es ,fremde‘ Personen, die sie dazu anstiftet, sich mit ihrer Umgebung auseinander zu setzen. „Ich stelle Personen einen Handlungsraum zur Verfügung, den sie selbst gestalten können“. Häufig basieren die Video-Arbeiten auf der Addition gleicher Handlungen, ausgeführt von unterschiedlichen Personen. Die Handlungen können durch Sprechakte der ,Mitspieler‘ ergänzt werden. Nonverbale und verbale Äußerungen provozieren so in Witts Arbeiten ein offenes Nachdenken über Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Gedichte und Texte von Barbara Köhler (*1959) schreiben der Ausstellung einen Subtext ein. Köhler hinterfragt die Struktur und Materialität von Sprache, hinterfragt das Ich der Autorin ebenso wie das Ich des Lesers. Ich und Wir werden in Bewegung, Ich und Welt in Beziehung gesetzt. Köhlers Texte sind dabei ebenso analytisch wie spielerisch, ebenso lapidar wie übervoll. In einem ihrer jüngsten Texte mit dem Titel "Nebensetzen: The Other One" findet sich der Satz: „es braucht ein ich, um WIR zu sagen.“ Und wenig später: „es braucht ein ICH, um wir zu sagen.“


Eröffnung: Samstag, 5. März | 17 Uhr
Ausstellungsdauer: 7. März – 13. Mai 2011
Ort: Kunsthalle Ravensburg | Eywiesenstraße 6 | 88212 Ravensburg