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Julia Zieglergeb. 1963 in Frankfurt/Main | lebt und arbeitet in Berlin
Förderprogramm 1998 ![]() Ausbildung
Raum, Spiegelung, Schleier Die Bilder, die wir uns von der Welt machen, gehen längst nicht mehr auf unsere persönliche Erfahrung zurück. Das Homevideo ist gelungen, wenn es wie ein Werbespot aussieht. Das Urlaubsfoto ist perfekt, wenn es dem Foto aus dem Reisekatalog ähnelt. Diese Bilder sind nicht mehr Abbilder der „Natur“, sondern Antworten auf andere Bilder und ihre Geschichten. Wie sich das vorgefertigte Bild des eigenen Sehens bemächtigt, ist eine der alltäglichen Erfahrungen, die das Vertrauen in die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung erschüttern können.Meist ist man sich kaum bewußt, wie sehr schon der Akt des Sehens Mustern folgt, die von der Kunst und den Medien geprägt sind. An diesem Punkt setzt die Arbeit von Julia Ziegler an. Sie befragt die schon so oft gebrauchten Bildmuster nach ihrer Information und ihrem emotionalen Gehalt. Wie das knisternde Seidenpapier in Fotoalben legt sich ein milchiger Schleier über die Bilder Julia Zieglers.Unter dieser Übermalung entzieht sich das Sichtbare und löst sich zur undeutlichen Erinnerung auf. Das Mädchen am Strand erzählt nicht mehr von einer konkreten Situation, sondern wird zur Form, in die jeder seine eigene Familiengeschichte übertragen kann. Schichten von hellem Lack über den Bildern verwischen die Konturen. Man ist sich nicht mehr ganz sicher, ob man es mit Malerei oder Fotografie zu tun hat. Die visuelle Unschärfe bringt eine Verunsicherung über den Status des Bildes mit sich: Kunstobjekt oder Alltagsmedium? Die Verweigerung des Eindeutigen hält den Betrachter auf Abstand und lädt die Motive mit Geheimnissen auf. Die Verschleierung gibt den Fotografien etwas zurück, was ihnen als reproduzierbares Massenmedium theoretisch nicht mehr zusteht: eine Aura. Mit dem Kunstgriff der Versiegelung erzielt Julia Ziegler zum einen das bereits angesprochene Wegrücken des Bildgegenstandes, zum anderen aber auch eine Spiegelung auf der Oberfläche.Wie in den glatten Oberflächen von Kacheln entstehen in der Lackierung schwache Abbilder des Raumes, in dem sich die Arbeiten und der Betrachter befinden. Die Spiegelung ist noch weniger greifbar als der Raum in den Abbildungen von Meer, Strand und Bergen in den Bildern. Diese Überblendung ist Teil des Konzeptes. Mit ihr verklammert die Malerin den Raum des Betrachters mit dem dargestellten illusionistischen Raum der Bilder. Helle und dunkle Markierungen, die wie Haken über die Bildoberfläche mancher „Kacheln“ laufen, sind ein weiteres Mittel, die beiden unterschiedlichen Raumebenen zueinander in Beziehung zu setzen. Im Gegensatz zur imaginären Tiefe der dargestellten Landschaft verweisen sie auf die Oberfläche der Bilder und lassen dort zeichnerisch einen Raum entstehen. Mit eben diesen Markierungen hat Julia Ziegler auch in Rauminstallationen gearbeitet,zuletzt 1996 in China.Große Gruppen von richtungsweisenden Zeichen, die in schrägen Formationen über Decke und Wände der Ausstellungsräume „marschierten“, sprachen den Orientierungssinn des Betrachters an. Mit jedem Schritt veränderte sich sein Verhältnis zu den eingezeichneten Vektoren. Das Bild als Fläche in einen spannungsvollen Gegensatz zum Raum zu bringen, beschäftigt Julia Ziegler auch in den Bilderwürfeln, den „Weißen Zwergen“. Bildtafeln mit landschaftlichen Motiven sind zu einem Würfel montiert. Der Titel verweist auf die Vorstellung einer Verdichtung von Materie, die potentiell die Energie zur Expansion in sich birgt, wie die „Weiße Zwerge“ genannten Sterne. In den Bildobjekten steht die Tiefe des gemalten Raumes im Gegensatz zur Geschlossenheit und Unzugänglichkeit der sperrigen Bilderkisten; ihre Kanten und Ecken widersprechen dem perspektivischen Sog und den organischen Übergängen im Landschaftsbild. Als künstliche Objekte bilden sie reale Hindernisse; wer alle Seiten sehen will, muß um sie herumgehen. So wird in der Bewegung das Sehen als Teil des physischen Erlebens erfahrbar. Dieser Aspekt des Konzepts gewinnt um so mehr an Bedeutung,je mehr sich im Alltag die visuelle Informationvon der physischen Präsenz des Menschen abzukoppeln scheint. Unser Verhältnis zum Raum verändert sich mit dem Zugang zu elektronischen Netzen und Datenautobahnen. Der Mouse-Klick läßt uns in Sekundenschnelle riesige Entfernungen überbrücken und macht die physische Präsenz des Handelnden überflüssig. Im Zeitalter virtueller Räume und simulierter Bewegung macht Julia Ziegler den Raum und die Geschichte seiner Darstellungsformen zum Thema ihrer Kunst. Katrin Bettina Müller |
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