caf | infofördernzeigensammeln



Roger Wardin

1971 geb. in Berlin | lebt und arbeitet in Berlin
Förderprojekt 2005


Ausbildung
2001 Meisterschüler bei Prof. Hajo Diehl, Universität der Künste Berlin
2000 Absolvent (Fachbereich bildende Kunst) Universität der Künste Berlin
1997-2000 Wechsel an die Universität der Künste Berlin
1996 Wechsel an die Kunstakademie Düsseldorf mit Prof. Jörg Immendorff
1995 Glasgow School of Art
1993-1996 Studium Bildende Kunst an der staatlichen Hochschule der Künste/  Städelschule Frankfurt/M, bei Prof. Jörg Immendorff
   
Stipendien 
2006 Förderprojekt Columbus Art Foundation
2004  Stipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft, Berlin
2003 Stipendium Stiftung Kulturfonds, Künstlerhaus Ahrenshoop
1995 Erasmus Stipendium
   
Ausstellungen (Auswahl) 
2007  Roger Wardin, Galerie Artdirekt, Bern
Art Amsterdam (Messe), mit Livingstone Gallery, Den Haag
Kölner Liste (Messe), mit Galerie Artdirekt, Bern
Tease Art Fair Cologne (Messe), mit Galerie Stefan Denninger, Berlin
Angerichtet, Galerie Börgmann, Kevelaer
Prequel, Livingstone Gallery, Den Haag
2006  Traces, Galerie Stefan Denninger, Berlin (Kat)
Planspiel/Nachspiel, Atelierhaus Panzerhalle, Potsdam
Braun – Vorwärts zur Realität, Galerie Ballhaus Ost, Berlin
Abschlussausstellung Karl-Hofer-Stipendiaten, Galerie im Körnerpark, Berlin (Kat)
The Path to the Black Lodge, Galerie Börgmann, Kevelaer
Roger Wardin, Landesvertretung Niedersachsen/Schleswig Holstein, Berlin 
2005  Wardin/Schmidt/Rühle, Galerie Stefan Denninger, Berlin
Internat. Hollfelder Kunstausstellung, Hollfeld/Bayreuth
Roger Wardin/Der gesamte Vorgang, Galerie Capri, Berlin
2004  Stipendiaten der Karl Hofer Gesellschaft, Haus am Kleistpark, Berlin
Fuck you its all flowers, Galerie turboplex, Berlin
Wardin/Johansen, Ausstellungsprojekt Westend, Berlin
Stiftung Kulturfonds März 2004, Künstlerhaus Lukas, Ahrenshoop
Stipendiaten d. Karl-Hofer-Gesellschaft, Karl-Hofer-Gesellschaft, Berlin
2003  dis-positiv, Staatsbank, Berlin
Kunstprojekt von Richard Jochum, neuesdeutschland, Berlin
2002 Görls, Boppstr. 13b, Mainz
Group Show, Pavillon Unterneustadt, Kassel
Der goldene Schnitt, Atelier Jörg Immendorff
2001 Malerei Architektonisch, Stiftung Starke/Berlin 
Universal, Druckgrafikedition Druckatelier G.Margull, Berlin
Wandmalerei, Oranienburgerstr. 3, Berlin (kuratiert v. Jenny Rosemeyer)
Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel, 2ykGalerie, Flutgraben, Berlin
   
Projekte
1999-2001 Mitbegründer/Organisation/Kurator des Kunstraum G7, Berlin

La nuit américaine

Im dunklen Kinoraum verwischt die Trennung zwischen Realität und Fiktion, wie an keinem anderen Ort. Schon beim Eintreten in den dunkeln Saal erreicht uns jene Vorahnung von der phantastischen Welt im Innern. Sieht man dann einen Film von David Lynch, steigt man ein in jenes alptraumartige Wechselspiel aus Wahn und Wirklichkeit. Die Anfangszene von „Lost Highway“ exemplifiziert dieses auf metaphorische Weise, indem wir als Betrachter über einen Highway fahren, auf dem sich Helles (Wirklichkeit) und Dunkles (Wahn) abwechseln. Zu sehen ist ein Rhythmus aus gelben Mittelstreifen und schwarzen Flächen; im Stakkato treffen sie aufeinander, der Rhythmus beschleunigt sich, bis es schließlich dunkel bleibt. So einfach dieses Bild ist, umso komplexer erscheinen die folgenden Szenen. David Lynch vermag für das Spiel aus Imagination und hellen, rationalen Geistesblitzen, immer neue Regeln zu inszenieren, indem er stets vor Augen führt, dass in der vermeintlichen Idylle das Abgründige und Perverse nistet. Stets zeigt er Handlungen, die nicht zeigen, was eigentlich geschieht. Das Andere, Eigentliche gärt im Verborgenen. Dabei wird das Leben nicht selten zum Horrortrip, indem jeder weitere Schritt ins Dunkel die Aura des Geheimnisvollen und Okkulten und zugleich Unentrinnbaren wachruft. Dabei gibt es keine Aussicht auf eine Lösung, es bleibt zwielichtig.
Warum einen Text über Roger Wardin mit einem solchen Exkurs beginnen?
Die Vorlagen seiner Bilder entstammen Filmen David Lynchs, welche genau spielt eigentlich keine Rolle. Die Motive - Tankstellen bei Nacht, entlegene Hütten in den Bergen oder im Wald, verlassene Cafés – sind nicht wieder erkennbar. Vielmehr ist den Motiven jene Atmosphäre geblieben, die wir aus den Filmen David Lynchs kennen. Jenes Wissen darum, dass die Szenen so harmlos, wie sie sich zeigen, nicht sein können. Jene Vorahnung, dass bereits ein Unheil geschehen ist. Roger Wardin verwandelt das filmische Bild in malerische Blicke. Dämmrig und verschwommen ist die Stimmung, der Strich löst sich auf. In „Monkey Embassy“ hebt sich eine helle Silhouette eines Hauses mit ebenso lichten Umrissen eines Waldes dahinter von dem nachtschwarzen Hintergrund ab. Verlaufen sind die Striche, unscharf und nebulos der Gegenstand. Durchbrochen ist der Himmel in „Embassy“ von einem glühenden Rot, was jene Vorstellung von Apokalypse im finsteren Sinne wachruft. Auch hier bleiben Haus und Wald umrisshaft und vage, lösen sich beinahe auf. Menschen sieht man keine. Ein Affe bleckt in „Monkey Embassy“ seine Zähne, als sei er der einzige Überlebende. Überhaupt sind die Orte abseitig und wie ausgestorben. Tauchen doch Gestalten auf, so wirken diese gespenstisch wie die „Ghost Magd“, deren Körper als Umriss durchsichtig und vergeistigt ist. In „Eingang“ sieht eine einsame Figur in die Unendlichkeit jener braunen, verfinsterten Weite, wirkt klein und verwundbar. Sie wendet uns den Rücken zu, ist umgeben von einer blau-grünen Aura. Auch wenn es das Motiv so will, Ideen an romantische Vorläufer kommen einem bei solch apokalyptischen Landschaften nicht. In anderen Bildern vermitteln die Verwischungen von Farbe den Eindruck, als führe man mit dem Auto an den Tankstellen vorüber (Station 3,4). Es sind die Blicke aus halbgeöffneten und müden Augen, während einer langen Fahrt über eine verlassene Autobahn bei Nacht. Grell scheinen die Lichter auf, ziehen einen leuchtenden Schweif nach sich und tauchen gleich wieder ein ins Dunkel der Nacht. Allesamt sind es Ort der Zivilisation, deren Antlitz verödet scheint.
Überblendungen anderer Art bestimmen die Szenerie in „Deliver me from the Days of Old“ und „Diner“.  Alles Erkennbare – Café, Häuser und der Wald – sind in gleißendes Licht getaucht, alles andere verschwindet im dichten Dunkel. Auf diese malerische Weise wird eine spezifische Filmtechnik – La nuit américaine – von Francois Truffaut  ins Spiel gebracht. Mit ‚amerikanischer Nacht’ wird in der Filmtechnik das Drehen am Tag mit Blaufiltern genannt, um Nachtsituationen zu erzeugen. Ein Effekt, den Truffaut auf die gesamte Länge des Films ausweitete, um die Künstlichkeit des Kinohaften zu betonen. Roger Wardin transferiert diese Technik in die Malerei, indem er die Szenen quasi als Negativkopie zeigt, bei der Schwarz und Weiß vertauscht sind und das blendende Helle gespenstisch vor der nachtschwarzen Fläche zu schweben scheint. Malerisch verwischen die Kontraste miteinander. Abseitig sind die Orte und geraten in die Sphäre des Jenseitigen hinein, in dem das Abgründig sichtbar wird. Es kommt ohne Verklärung aus, zeigt sich in einer absoluten Unmittelbarkeit, transzendent.  
Nachdem nun ein Bild in enigmatischem Gestus gezeichnet wurde, läßt sich all das auch umkehren: vielleicht ist es genau anders herum. Vielleicht stillen wir gerade beim Ansehen von Bildern dieser Art die Frucht, dass die Welt einfach und banal ist. Vielleicht projizieren wir gerade deshalb all den Zauber und all das Abgründige, was eigentlich gar nicht da ist. Das träfe auf die Bilder Roger Wardins wie auf die Filme David Lynchs gleichermaßen zu. Wenn es so wäre, bekämen sie den Status einer Re-Mystifizierung, die verhindert, dass unser aufgeklärtes Denken zu einem allzu abgeklärten wird.

Melanie Franke