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Thomas Spielmann

geb. 1967 in Ravensburg | lebt und arbeitet in Berlin
Förderprojekt 2002


Ausbildung
1991-1997 Studium der Malerei an der Staatlichen Akademie Karlsruhe bei Peter Dreher
1996 Meisterschüler
1997 Diplom
2002-2003 Zu Gast an der Kunstakademie Düsseldorf bei Thomas Ruff


Einzelausstellungen
2000  Sammlung Ackermans, Xanthen
1998 Morat Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg i.Br.


Ausstellungsbeteiligungen / Preise 
2009/2010 Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin von Karin Sander, Temporäre Kunsthalle Berlin
 2004 take care, Kunsthaus Hamburg
 2000 schwarz-weiß, Villa Merkel, Esslingen
 1999 Preisträger Oberschwäbischer Kunstpreis Ochsenhausen/
Württemberg
Kunstverein Singen
 1996 oder Kunst, Kunstverein Konstanz


Entwürfe und Wettbewerbsarbeiten für den öffentlichen Raum
2009 Berlin: "offene Kamera" Entwurf für ein "Freiheits und Einheitsdenkmal in Berlin"
Auslober: Bundesrepublik Deutschland, Wettbewerb abgebrochen
Frankfurt am Main: "vier Türme" Entwurf für ein "Mahnmal für die deportierten Frankfurter Juden" auf dem Gelände der zukünftigen
Europäischen Zentralbank
St. Pölten/ Viehofen, Österreich: "Stock im See" Entwurf für ein Mahnmal für ein vergessenes Zwangsarbeiterlager
Berlin: "PinkePanke" Entwurf für die Terassen des Neubaus des Bundesnachrichtendienstes Berlin
2008 Berlin: "Lüftung" Gestaltungsentwurf für den Innenhof des Bundesarchives Berlin in Kooperation mit Susana Ornelas und Sybille Lacheta, Landschaftsarchiteken
Freiburg i.Br.: "Heil, versprochen ist" Entwurf für den Neu- und
Anbau des Universitätsklinikum Nord, Freiburg i. Br. (Ankauf)


Publikationen
2010 Katalog zur Ausstellung "Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin von
Karin Sander" Temporäre Kunsthalle Berlin
2004  Ausstellungskatalog zu "take care" Kunsthaus Hamburg
2003 Katalog der Preisträger "Oberschwäbischer Kunstpreis" "Junger
Süden"
2001 Einzelkatalog der Sammlung Columbus, Ravensburg
2000 Sammlungskatalog der Baden-Württemberg Bank AG, Stuttgart
Einzelkatalog der Sammlung Ackermans, Xanthen
1996 Katalog der Meisterschüler 1996, Kunstakademie Karlsruhe




Thomas Spielmann setzt in seinen großformatigen, mit Ölfarbe überarbeiteten Fotografien, die Medien Malerei und Fotografie in Relation. Mit der Malschicht über den Fotos gelingt es ihm, eine realere, dem jeweiligen Geschehen entsprechende Situation für das Bild herzustellen. Das Bild steht für ihn im Vordergrund; es ist für ihn Reflex und Stimulanz.

Die Fotografie, ganz allgemein, ist trotz ihrer erstaunlichen Wirklichkeitstreue nie eine Kopie der Wirklichkeit. Sie ist vielmehr –immer das Vorbild im Blickfeld– eine außerordentlich zuverlässigebildnerische Umformung der Wirklichkeit mit eigener Gesetzgebung. Sie reproduziert zwar die äußere Wirklichkeit mit größerer Bündigkeit , als die vollkommenste Malerei es tun könnte. Sie ist aber immer eine Wirklichkeit rein technischer Natur. Die fotografische Optik hat eine Neigung zum flächenhaften Aufzeichnen der Dinge, die Tiefendimension schrumpft auf einen optischen Nullwert zusammen und auch die natürliche Farbigkeit der Wirklichkeit wird auf ein entsprechendes Muster reduziert. Selbst der Farbfilmsetzt der Wirklichkeit nur eine nicht minder künstliche Buntschablone gegenüber und schöpft so eine künstliche Realität, die Thomas Spielmann durch Ölfarbe wiederum in eine neue, künstlerische Realität des Bildes überführt.

Ausgangsmaterial für das Schaffen Spielmanns ist immer ein Foto, besser, die Entscheidung für ein bestimmtes Foto.

Erst Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts hat sich die Fotografie als Selbstverständlichkeit etabliert. Die Begriffe „Hohe Kunst der Fotografie" und „Normalfotografie" lösten sich auf. „Allerweltfotos" dienten als Inspirationsquellle für viele Künstler. Oft werden von Künstlern,  zu ihnen gehört auch Thomas Spielmann,  Merkmale der niederen Fotografie wie Falschfarbigkeit und Unschärfe bewusst aufgegriffen. Hohe und niedere Ästhetik, künstlerisch hochwertige eigene Fotos und die aus dem Reflex des Abdrückens resultierenden Fotos der (Milllionen)-Knipser, dieim Foto eine ganz eigenständige Realität als Ersatz für ihre authentische Wahrnehmung sehen, sind für Thomas Spielmann eine Welt, aus der er  seine neue Bilderwelt schafft. Er eignet  sich die vorgefundenen, von ihm bewusst ausgewählten Fotos an, vergrößert diese, übermalt bestimmmte Stellen und erfindet so neue Zusammnehänge. „Ich entferne alles, was einer inneren Logik widerspricht. Ich versuche das Grundlegende möglichst deutlich zu machen. Meine Methode des Freistellens scheint zunächst widersinnig, weil sie einerseits mit dem Abbild der Wirklichkeit arbeitet, aber durch die Übermalung die Homogenität der Alltagswahrnehmung durchbricht. Ich glaube aber, dass das Inhomogene, das durch Hervorheben zum Beispiel mit einer Farbschicht entsteht, unsereraktiven Wahrnehmung eher entspricht." Zum Foto als Ausgangsmaterial meint er: „Das Foto bildet den Kontext, aus dem heraus sich etwas entwickelt, nicht oder nur selten ab. Das Foto kann nur etwas zeigen, indem es alles andere (wirklich alles denkbar und undenkbar andere) nicht zeigt. Ich ordne einem festgehaltenen Einzelergebnis alles andere zu, indem ich zeige, was das Foto eben auch tut: nämlich allles andere nicht zu zeigen."

Dass jedes Foto Vergangenes zeigt, ist eine Tatsache. Für Spielmann gibt es aber verschiedene Grade an Gehalt, an Inhalt, an Erzählung, von denen er glaubt, diese müsste man durch das Medium Farbe ins Jetzt retten. Mit den Malschichten gelingt es ihm, eine realere, dem Geschehen entsprechende Situation herzustellen.

Ezra Pound und Thomas S. Eliot sprechen von „Schichten, Überlagerungen und Überschneidungen von images“. Hegel spricht von der „Aufhebung des Alten im Neuen“; Aufhebung in eben diesem doppelten Sinn, als Erfüllung und Beseitigung, Bewahrung und Vernichtung zugleich. An anderer Stelle sagt Hegel: „Das Neue, das Folgende muss in der Doppelheit von Bruch und Kontinuität gesehen werdenund zwar so, dass es das Alte, das Vorausgehende in sich aufnimmt und doch in seiner Zerstörung bewahrt." Spielmanns künstlerische Veränderungen sollen diese „unsichtbaren Überlagerungen" als eine weitere, jetzt aber sichtbare Überlagerung besiegen. Die oft auch mit Schablonen gewonnenen Farbschichten machen sein konzeptuellles Denken sichtbar. Am Ende steht immer eine „Neue Wirklichkeit", die sich, neben einem ersten sinnlichen Erlebnis im Kopf des Betrachters abspielt. Die Bilder von Thomas Spielmann sind voller Differenz.

Jupp Eisele