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Johannes Maier

geb. 1971 in Ulm | lebt und arbeitet in London
Förderprojekt 1998


Ausbildung
seit 2003 MPhil/PhD, Goldsmiths College, London (UK)
1999-2000 MA Fine Art, Goldsmiths College, London (UK)
1999 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Verbreiterungsfach Werken bei Prof. S. Michou
1997 BA (Hons) Fine Art, University of Derby (UK)
1992-1998 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Groß, Prof. Bachmayer und Prof. Visch
   
Ausstellungen (Auswahl) 
2004  tainment/haltungen NGBK, Berlin
Neurichten (News), Play - Gallery for Still and Motion Picture, Berlin
Video Series, John Hansward Gallery, Southampton (UK)
Take care, Columbus Art Foundation, Kunsthaus Hamburg
2003  project artist, mit Angus Wyatt, Kathrin Woerwag, Christian
Der Silberne Schnitt, 25 Jahre Kunststifung, Württ. Kunstverein Stuttgart
Peripherie und Zentrum, Landesvertretung Baden-Württemberg, Berlin
Translator’s Notes, Cafe Gallery, London (UK)
Fairplay, Play - Gallery for Still and Motion Picture, Berlin
Filmfestival, Baden (CH)
Break in Theatre, Hara Museum, Tokyo (Japan)
2002/2003  Critical Home Video, Govett-Brewster Art Gallery, New Plymouth, New Zealand
2002  Sitting Tenants, London, Adam and Eve Mews, Lotta Hammer House (UK)
IFFR, Rotterdam Film Festival (NL)
mediated.cooperation, Kunststifting Baden-Wuerttemberg, in Koop mit Sophie von Hellermann
reality check, Sammlung Columbus, Ravensburg-Zussdorf
HAFF, Animations Filmfestival, Utrecht (NL)
Critical Video Home, art space, Peterborough, ON, Canada
2001  acoustic shadows, Bahnwärterhaus Villa Merkel, Esslingen
Insider Trading, Mandeville Hotel, London
Cut and Life, One in the Other, London (UK)
East International 2001, Norwich (UK)
future perfect, Adam Street, London (UK)
Break In Theatre 2, Video Screening Exhibition, Tonchiki House, Yokohama Triennale, (J) World Wide Video Festival, Amsterdam (NL)
What’s Wrong?, The Trade Apartment, London (UK)
Critical Video Lounge, York City Art Gallery, York (UK)
Enter, Apartments Kunststiftung Baden-Württemberg, Stuttgart
Break In Theatre 2, Video Screening Exhibition, Kobo & Tomo, Ginza, Chu-oh Ku, Tokyo, (J)
2000 Filmwinter, Film- und Videofestival, Stuttgart
Spiegeltage I, Spiegel, Künstlerwerkstatt, München
MA Final Degree Show, Goldsmiths College, London (UK)
New Contemporaries 2000, Milton Keynes Gallery (UK), Corner House Manchester (UK), Inverleith House Edinburgh (UK)
Living with the Dutch, 89a Erlanger Road, London (UK)
Assembly, Stepney, London (UK)
bereits bereist, Kunstverein Böblingen
Odysee, Jahresausstellung, Württembergischer Kunstverein Stuttgart
1999 C4 - Positionen Junger Kunst, Ravensburg-Zußdorf (mit I. Gerckens, A. Herrmann, C. Erhard)
Am Ende der Welt, Heusteigtheater - Stuttgart, Karlskaserne - Ludwigsburg
Hors Circuit, Film-und Videofestival, Paris (F)
Exit, Videofestival, Chisenhale Gallery, London (UK)
1998 Künstlerhaus Ulm (mit A. Joos, T. Witzke, T. Kahl), Ulm
Public Domaine, Video-Edition, Württembergischer Kunstverein Stuttgart
neulich, Galerie alpha-jetzt, Stuttgart (mit V. Henn, S. Stagel, D. Dietmann, J. Wood)
J. Maier: Killesberg-Bericht, Kunstakademie Stuttgart
Video-Präsentation: Die Außenseite des Elements, Theater im Depot, Stuttgart
acoustic shadows, Site Gallery, Sheffield (UK)
1997 BA Degree Show, School of Art and Design, Derby (UK)
Artists Book Fair, Please Take One, London
Site and Sound, Site Gallery, Sheffield (UK)
dreizunull (mit O. Hartung, S. Giesa), Stadthaus Ulm
1996 Klassenausstellung H. Visch, Santa Monica - Los Angeles (USA)
1995-1996 projected room, in Derby (UK), Sheffield, Site Gallery (UK), Esslingen, Witten
1994 Künstlerhaus Ulm (mit A. Joos, E. Wünschmann, J. Bürzele), Ulm
Triennale Ulmer Kunst
1991 Triennale Ulmer Kunst
   
Preise und Stipendien
2003  Erster Preis, Video Festival Fairplay, Play - Gallery for Still and Motion Picture, Berlin (D)
Jahresstipendium des DAAD, Auslandsaufenthalt in London
2002 Preis des Kunstvereins Neu-Ulm
2001 Kunststiftung Baden-Württemberg
1999-2000 Jahresstipendium des DAAD, Auslandsaufenthalt in London
1998 Auslandsstipendium der Kunstakademie Stuttgart
1997 Akademiepreis der Kunstakademie Stuttgart Förderung des VBKW Ulm
1996 Förderpreis der Stadt Ulm


Fragen ohne Antworten

In „mediated.cooperation“, einem Video, das 2002 entstanden ist, zeigt Johannes Maier eine Art Pressegespräch zwischen der Malerin Sophie von Hellermann und dem Kunstkritiker Ralf Christofori, das vor Publikum stattfindet. Während Christofori unermüdlich Fragen an die Künstlerin stellt, bleibt diese stumm. Eine befremdliche Situation, die Christofori als „worst case eines gierigen medialen Schauplatzes“ bezeichnet. Die Intention einer Pressekonferenz –nämlich Fragen zu beantworten– wird ad absurdum geführt, es findet keine verbale Kommunikation statt. Johannes Maier instrumentalisiert Situationen – in diesem Fall ein Pressegespräch, die uns allen aus der Medienwelt als eine alltägliche Form der Kommunikation vertraut sind. Die Teilnehmer mit ihren gespannten Gesichtern und die Fotografen im Publikum, die Sophie von Hellermann immer wieder ins richtige Licht rücken, tragen alle zur Erwartungshaltung des Zuschauers bei, der vergeblich auf die Antworten der Fragen wartet.

Johannes Maier realisiert seine Ideen und künstlerischen Konzepte mit großem Aufwand. Das Gespräch mit Sophie von Hellermann fand tatsächlich anlässlich einer Ausstellung der Künstlerin statt, die von Maier organisiert wurde. Mit filmischen Mitteln dekonstruiert der Künstler dieses Gespräch. Er ersetzt die Antwort der Künstlerin durch einen unvermitteltenSchnitt und zeigt die Künstlerin vor einem ihrer Werke. Diese kurze Einblendung ist schwarz-weiß und bricht die Situation dadurch ein weiteres Mal. Der Künstler stellt selbst Fragen: er evoziert eine Reflektion des Mediums Fernsehen und wirft die Frage nach der Authentizität auf. Gewissermaßen mit seinen eigenen Mitteln wird hier eine scheinbar reale Mediensituation manipuliert und ruft dem Betrachter ins Gedächtnis, dass Berichterstattung nur bedingt neutral ist.

Dieser Ansatz steht auch im Mittelpunkt der Fotoserie „Egoshooter“, die parallel zur Videoarbeit „ego shot egos“ entstanden ist. Jugendliche werden beim Computerspielen gezeigt, die digital bearbeiteten Filmstills portraitieren die Spieler vor ihren Bildschirmen. Diese „Counter-Strikespieler“ die unter den Namen „Neo, Gigs, Eisenherz, Tiok 65 und Nahkampf Rochen“ auftreten, die sie den Namen der Computerspiele entleihen, stellen sich dem Betrachter frontal. Ihre Gesichter reflektieren den Schein der gegenüberliegenden Bildschirme. Johannes Maier belichtet sie vor schwarzem Grund hinter Glas aus. So werden nicht nur die Gesichter doppelt sichtbar, sondern auch die Umgebung wird auf der Glasoberfläche wiedergespiegelt. Der Künstler selbst meint dazu„Es ist das Abbild und Spiegelbild des Spielers und des Betrachters zugleich. Es ist die Vorstellung einer Persönlichkeit im Gegenlicht einer virtuellen Welt.“

Wahrnehmung und dabei unbewusst ablaufende Verhaltensmuster sind Gegenstand des Projekts „fan.leader“ aus dem Jahr 1998. Im Wechsel werden reale Szenen aus einem Fußballspiel und teils rekonstruierte Einstellungen von singende Fußballfans im Stadium gezeigt. Partiell werden die Fans durch schwarzgekleidete Chorsänger ersetzt. Musikalisch unterlegt wird diese Collage aus Original und Kopie durch die Gesänge des Chors, der bekannte „Fanlieder“ singt, allerdings auf seine klassische Art. Die Vorgehensweise des Künstlers haben den Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez zu folgender Überlegung veranlasst: „Was Sie in Ihrem Film darstellen, würde ich aus musikwissenschaftlicher Perspektive als den Versuch einer „Klangfarbensemantik“ bezeichnen. Was meine ich damit? Im Film werden „Klangwelten“ und „Lebenswelten“ in so geschickter Weise montiert, dass der Zuschauer zunächst nur das Gefühl einer Unstimmigkeit hat, wenn die Klangwelt „Chor“ und die Lebenswelt „Fankurve“ trotz gleicher Symbole (Fanschal) nicht kongruent sind. Offensichtlich verwenden wir ein Wahrnehmungsmuster, bei dem Klangfarbe als Indikator sozialer Gruppenzugehörigkeit dient. Diese Kategorisierung läuft schnell und unbewusst ab. Ästhetisch reizvoll ist es nun, im weiteren Verlauf des Films bei diesem Vexierspiel der verschiedenen Bild-Ton-Kombinationen das klanglich Authentische vom Konstruierten zu unterscheiden. Bei diesem Prozess lernt der Betrachter letztlich auch etwas über seine eigenen Urteilsstrukturen, nämlich dass die Fangesänge mit ihrer vermeintlich „rauhen“ akustischen Oberfläche genau so klingen müssen, damit sie authentisch sind“. Die Doppeldeutigkeit des englischen Titels, der – wenn er ausgesprochen wird – nicht eindeutig vom deutschen Word „Fanlieder“ unterschieden werden kann, bringt ein weiteres Mal den künstlerischen Ansatz zum Ausdruck: wie nehme ich wahr und welchen unbewussten Prozessen bin ich dabei unterworfen? Was für eine Funktion nimmt die Sprache ein?

Irritation und das Gefühl „nicht im Bilde zu sein“ provozieren die Videoarbeiten von Johannes Maier beim Betrachter. Hier wird deutlich, dass der Künstler Maier aktiv steuert, welche Informationen wir als Zuschauer bekommen. Alles wird seinen Regeln unterworfen, die einen hermeneutischen Raum erzeugen. Er befragt kritisch die Medien und mediale Bildwelten und macht die Diskrepanz deutlich zwischen „einer Welt wie sie ist“ bzw. einer „Welt, wie sie in den Medien konstruiert wird“. Sehen und Wahrnehmen als die grundlegend analytische Fähigkeit werden in den Mittelpunkt gerückt.

Bettina Högner