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Claudia Hummel

geb. 1970 Reutlingen
Förderprojekt 1999


Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Moritz Baumgartl, Prof. Sotirios Michou und Prof. Joseph Kosuth

Ausstellungen
2002 Kunstverein Ettlingen e. V.
1999 Fotobücher von Künstlern, Fototriennale Künstlerhaus Hamburg
Am Ende der Welt, Performance Heusteigtheater Stuttgart, Karlskaserne Ludwigsburg, (K)
Moskau, Manufaktur Schorndorf 2000
8110/8329, Cité Internationale des Arts, Paris
Minutes only, Performance, Karlsruhe
1998 Fotographie als Handlung, Rahmenprogramm der 4. Internationalen Foto-Triennale Esslingen 1998 (K)
Reise, Heusteigtheater Stuttgart, Peripherie Tübingen
1997 Reize, Galerie Oberwelt, Stuttgart
PS, Ausstellung und Ereignis, Rheinstahlhalle Stuttgart
1996 How German is it?, Curators Choice V, Goethe-Institut, New-York
1995 Wie mein Glück, so mein Leid, Werfmershalde Stuttgart
liebe genossen in moskau, Kunstakademie Stuttgart, Kunstakademie Karlsruhe
Acht Minuten kochend heiß, Punto Fisso, Stuttgart
1993 Unternehmen Zugkunst, Projekt von Student/innen der
Kunstakademie Stuttgart mit der Deutschen Bundesbahn

Stipendien
1999 Stipendium des Deutsch-Französischen Jugendwerks für einen sechsmonatigen Aufenthalt in Paris
Wohnstipendium der Cité Internationale des Arts, Paris
1995 Stipendium “Künstlerwege e.V.”für einen zweimonatigen Aufenthalt in Moskau


Sprache und Bild stehen im Zentrum der Arbeiten von Claudia Hummel. Auch könnte man von Wort und Spiel, von Begriff und Darstellung, von Konzept und Transformation sprechen. Es ist das Verhältnis von Sprache und Bild, das uns zur Auseinandersetzung und Annäherung reizt, dieses Erkennen der Prozesshaftigkeit ihrer Arbeiten, vom ersten Aufkeimen einer Idee - der Suche - bis zur Formwerdung einer These – der Frage.

Claudia Hummels Werkprozesse entstehen zunächst aus der Fokussierung einer Alltagssituation. So behandelt sie nach dem Bau eines temporären Aufenthaltsortes für Reisende (Servicestation 1997) in der Folge den dauerhaften Aufenthaltsort für Siedelnde, das Haus. In einem nächsten Schritt untersucht sie die Ambivalenz,
sich ein Haus zu bauen, sich Heimat sichtbar zu machen und gleichzeitig von der Ferne zu träumen,dem Anderswo,dem unbekannten Ort hinter dem Horizont.
In ihrer Werkgruppe “heimlich-unheimlich” (1997) legt Claudia Hummel Worte noch wie eine Folie über ihre Bilder. Das dazugehörende Buch mutet beinahe wie ein Lexikon an, in dem etymologische Erläuterungen den Bildern gleichsam Rückhalt gewähren. Erst von diesen Untersuchungen gehen nun elementare Impulse aus, die zur Entstehung von Bildern führen. Bestärkt durch die – meist in Vergessenheit geratene – Bedeutungsvielfalt eines Begriffs entwickelt sich ein ganzer Werkkomplex. Die Künstlerin tritt als Schöpferin eigener Welten hervor, in denen sie ein breites Spektrum von Hochkultur bis Kitsch und Kommerz beleuchtet und deren Inhalte sie wiederum miteinander konfrontiert oder auch verknüpft. Manche Arbeit löst zunächst Befremden aus, manchmal sogar eine Abwehrhaltung. So z.B. die massiven Plexiglasblöcke, in denen kleinformatige Abbilder von Gebäuden isoliert dargestellt werden.Abwehr,weil wir im Grunde diese trostlosen, unspektakulären Architekturen am liebsten ignorierten, aber gleichzeitig um die Vielzahl solcher Häuser in unserer Umgebung wissen. Claudia Hummel nimmt diese zurückweichende Reaktion in ihrer Arbeit auf, indem sie vor die rückseitig aufgeklebte Fotografie mehrere Zentimeter Plexiglas setzt und dadurch Distanz vermittelt, die aus der Undurchdringlichkeit dieser Häuser resultiert.Wie poetisch und versöhnend das Sujet “Haus” hingegen auch sein kann, zeigt sie uns in ihren großformatig inszenierten Fotografien, den “Fliegenden Häusern”. An der Wand betrachtet wirken die Arbeiten wie illusionistische Fenster. Beinahe glaubt man, eine Bewegung in starker Zeitlupe zu erkennen. Schein und Sein verschwimmen, wenn das Haus den sphärisch erleuchteten Erdball umkreist.

Claudia Hummels Häuser sind Häuser ohne Menschen. Sie stehen als Villen auf grünen Wiesen, werden von PS-starken Fahrzeugen gezogen, sind als Luftschlösser in den Himmel gezeichnet oder schwimmen auf einsamen Inseln unter Palmen, stets vom menschlichen Urbedürfnis nach Unterkunft getrieben. Aus der inneren Zerreißprobe zwischen Flucht und Zuflucht kristallisiert sich der Begriff des “Möglichkeitsraumes” heraus.

In Claudia Hummels Werkkomplexen ist jeder Text und jedes Bild ein Synonym für das Abstreifen gesellschaftlicher Normen, ein bewusster Prozess des Verlusts auf der Suche nach originären Erfahrungen. Ihre künstlerische Bilanz ist oftmals ernüchternd. Wenn Claudia Hummel formuliert, sie wolle die Welt mit ihren eigenen Waffen schlagen, muss sie mit ihrer Kunst konsequenterweise auch auf die Frage der Aufgabe von Kunst innerhalb der Gesellschaft Position beziehen. Sie will weniger als Aufklärerin agieren, denn als scharfsinnige Beobachterin. Ihr subjektiver Blickwinkel bricht mit herkömmlichen Sichtweisen und entwickelt neue Achsen. In ihrer neuesten Arbeit “1 Scheibe mehr”(2000) steht "all das Glück"  im Mittelpunkt. Die Künstlerin sammelt an einer Pariser Metrostation Werbezettel verschiedener Marabous (Wunderheiler), sie greift den Hunger nach Glück in der Konsum und Warenwelt auf und verwandelt glitzernde Parfumflakons in utopische Kristallarchitekturen, die in der Schaffung eines neuen Nimbus kulminieren, dessen Ausstrahlung uns zugleich blendet und fasziniert und der die künstlerische Hierarchisierung von Glück zu
dominieren scheint. Claudia Hummel ertappt uns mit unseren geheimen Wünschen (wer hat nicht schon mit einem Lotterielos sein Glück versucht oder das Wochenhoroskop in der Fernsehzeitschrift gelesen oder einen Werbeprospekt nach Supersonderpreissternchen durchgeblättert?). Mit den entblößten Sehnsüchten und Geheimnissen werden wir nicht allein gelassen. Sie sind Teil unserer Erkenntnisprozesse und notwendige Voraussetzung neuer Wahrnehmungsperspektiven. Der konzeptuelle Ansatz befreit sich vom logozentrischen Denken und gipfelt in Zartheit und Poesie. Hierin liegt die Besonderheit der Arbeiten Claudia Hummels. Aus Umsturz und Umkehr entstehen neue Räume. Stereotype Bilder aus der Werbung mutieren zu glitzernden Sternen eines neu erschaffenen Kosmos, die Etymologie verliert zunehmend ihre Folienfunktion früherer Arbeiten.
Die Trennung in Wirklichkeit und Fiktion ist in Claudia Hummels Arbeiten längst überwunden. Sie greift bewusst bereits Geschriebenes oder Entworfenes auf und vertritt in ihrer Kunst stark mimetische Positionen. Da in der Mimesis Subjekt und Objekt eine sonst nicht erreichbare Nähe eingehen, ist sie eine notwendige Bedingung von Verstehen. Mimesis trennt nicht in Theorie und Praxis, nicht in Kunst und Leben. Sofern Mimesis das Denken in Beziehungsgeflechten und das Überwinden vorgefundener Bilder verlangt, appellieren die Arbeiten Claudia Hummels an unser mimetisches Verhalten.
Die Assoziationskette von Siedeln – Haus – Raum – Sehnsucht – Aura – Utopie – Glück, lässt eine Zunahme gedanklicher Abstraktionen erkennen. In der bildlichen Darstellung bedeutet dies die zunehmende Entfernung von kanonischen Vorgaben. Claudia Hummel verleiht ihren inszenierten Fotografien, Zeichnungen, Performances, Installationen und Büchern eine starke Autonomie.

Andrea Dreher