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David Heitz

1983  geboren in Wurmberg | lebt und arbeitet in Karlsruhe
Förderprojekt 2009


2004-2009 Studium an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Karlsruhe, Studiegang Malerei/Grafik, bei Prof. Leni Hofmann
ab 2005 bei Prof. Silvia Bächli


Ausstellungen

2012 In Kontakt (Motive), Magazin4 – Bregenzer Kunstverein
2011 In Relation, (Motive), Galerie Max Mayer, Düsseldorf (Solo)
Eine Grammatik der dritten Person, Corner College, Zürich
Ein psycho-geographischer Plan, Galerie Max Mayer, Düsseldorf
2010 Profileo.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern
Regionale 11, Kunsthaus Baselland, Basel
2009 +10/2009 – shortlist Columbus-Förderprojekt, Columbus Art Foundation, Leipzig
Stand und Gestaltung, Konsortium, Düsseldorf und Kunstverein St. Pauli, Hamburg
«ohne Anwesenheit von Abwesenheit kein Nichts», Circus, Berlin
2008 once in a lifetime, Mayerei, Karlsruhe
Im Rahmen der Regionale 09, Ausstellungsraum Klingental, Basel, CAC Fonderie, Mulhouse
2007 Realisierung einer Arbeit im Lauscher von Bernhard Bretz und Matthias Holliger im Kunstverein Freiburg
Werke Welten Wirklichkeit, im ehemaligen Autohaus Zschernitz Karlsruhe
2005 Promenandenmischungen, Ettlinger Stadtraum



Katalogbeitrag zu ›+10|2009‹

Ansichtssachen

Mehr als die Summe der einzelnen Teile: So lapidar die Arrangements von David Heitz (*1983) erscheinen mögen, so rigoros verlangen sie dem Betrachter eine Schärfung seines Blickes ab, wenn er denn bereit ist, sich auf diese Arbeiten einzulassen. Denn oft beginnt die Auseinandersetzung bereits mit der Identifizierung eines Werks als solches, zumal der Künstler auf die räumlichen Gegebenheiten des jeweiligen Ausstellungsortes reagiert, sich in diese beinahe einschreibt und dabei gerade durch seine zurückgenommenen Interventionen gewisse Irritationsmomente in Szene setzt. So geschehen etwa bei »Das Große im Kleinen« (Karlsruhe 2007), wenn er sich von dem ihm zugedachten Hauptraum abwendet und sich stattdessen für seine eigentliche Installation geradezu versteckt in ein hinteres Kämmerchen zurückzieht. Dort entfaltet sich ein Sammelsurium an Gegenständen und Mobiliar: eine verdichtete, im Übrigen fiktive Arbeitssituation, akzentuiert durch das spärliche Licht von ein paar tief gesetzten Schreibtischlampen. Zu sehen sind Bilder aus dem privaten Fundus an Zeitungsausschnitten sowie aufgeschlagene Atlanten: Der kartografische Blick, die Vogelperspektive sind es, die hier dem Betrachter abgerungen werden, da die sich überlagernden Dokumente auf einer Tischplatte, also horizontal angebracht sind. Noch stringenter fiel diese Vorgehensweise bei der im Rahmen der Regionale 09 (2008/2009) in Mulhouse gezeigten Installation aus, bei der der Künstler auf Abbildungen im klassischen Sinne ganz verzichtete; stattdessen reflektierten die verschiedenformatigen Glas- und Spiegelplatten, die waagrecht auf schmalen, langen Tischen aus Holz, Metall oder Kunststoff angebracht waren – ebenso allesamt Fundstücke aus der Umgebung des Ausstellungsortes –, die markante Innenarchitektur. Während sich aus der Ferne schwer erschließt, was sich auf den schmalen Platten befindet, so  werden je nach eingenommener Perspektive mal in abstrakter Manier die weißen Wände, mal in komplexerem Zusammenspiel die grausilbernen Rohre, Stützpfeiler oder auch die Beleuchtung zu den eigentlichen Bildelementen.

Für die Ausstellung »once in a lifetime« (2008) in der Karlsruher Mayerei sind es wieder Spiegel, diesmal aber in vertikaler Positionierung, die ein Bild zurückwerfen: Die zwei vermutlich aus einer Schneiderei stammenden Standspiegel, die auf Rollen befestigt leicht verstellbar sind, drängt David Heitz sehr dicht in die Raumecke und setzt sie, wenn auch nicht orthogonal, so doch in ein unmittelbares, nahes Verhältnis. Zunächst scheinen sie fast identisch, bei genauerem Hinsehen aber werden Differenzen sichtbar: Die Fußpartien etwa sind nicht nur verschieden konstruiert, sondern ermöglichen auch dementsprechend eigene Bewegungsradien. Im einen Fall sind Heizungsrillen, Fenstergitter und -rahmen im Ausschnitt als geometrisches Gebilde in der Spiegelung gerahmt, im anderen Fall ist nur die Rückseite, also die Konstruktion zu sehen – eine für den Künstler charakteristische Reduktion seiner Mittel, die aber zugleich die Fabrikation und die Materialität seiner Objekte in den Vordergrund stellt. Flankiert von einem grünen, zylindrisch angelegten Metallgestell, das im Unterschied zu den beiden Spiegeln schon von Weitem ins Blickfeld rückt, sind alle drei Teile in bewusster Positionierung und Verzahnung auf den Ausstellungsraum und seine Blickachsen hin ausgerichtet.

Auch seinen mehrteiligen Beitrag in der Leipziger Gruppenausstellung der Columbus Art Foundation hat David Heitz subtil orchestriert: Schon im Eingangsbereich sind zwei tischähnliche Objekte installiert, das eine scheint sich ebenso farblich wie formbezogen geradezu an die Architektur anzuschmiegen, das andere gibt sich in der frontalen Setzung hingegen fast schon sperrig. Bei beiden aber zeigt sich bei genauerer Einlassung ein raffiniertes Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile dieser nur anfangs wie zweckdienlich wirkenden Konstruktionen; die ruhige Komposition der Linien- und Kantenführung sowie der Materialwahl und -dosierung lässt sich im Grunde schon als zeichnerische Geste lesen. Die verschiedenen Oberflächenwerte verleihen diesem Formenspiel eine kontrastreiche und den Gesamteindruck dabei abrundende Rauheit. In der großen Halle befindet sich ein Ensemble aus mehreren Präsentationsobjekten, deren Tischplatten mit dunkelgrüner und grauer pigmentreicher Farbe gestrichen sind und so jeweils die Schwarzweiß- und Farbfotografien kontrastieren, die darauf platziert sind. Diese schlichten Tischkonstruktionen sind in ihrer Dimension variabel und können daher in die jeweilige Raumsituation eingepasst werden; somit sind sie ebenso Bestandteil der Arbeit und vom Künstler gefertigt. In ihrer Anordnung entsteht ein kleiner Parcours, in dem David Heitz auch durch die Art der Zusammenstellung der Bilder den Betrachterblick auf komplexe Weise zu dirigieren imstande ist. Die Fotografien zeigen häufig Situationen im Außenraum: ein Straßenverlauf, ein Waldstück oder auch einen Parkplatz, meist menschenleer. Die (vordergründig) nüchterne Betrachtungsweise der Bechers oder auch Ed Ruschas berühmte Parkinglots-Serie drängen sich hier zum Vergleich auf, doch erschöpft sich der Umgang mit den genannten Arbeiten nicht in einer unmittelbaren Replik, sondern bildet eher eine motivische Nähe ab. Mal sind es geometrische Strukturen, die bei genauem Hinsehen eine bemerkenswerte Komposition offenbaren, mal Licht-Schatten-Kontraste oder auch Spiegelungsphänomene, die den Bildern trotz ihrer Unaufgeregtheit, des ephemeren Charakters und nicht zuletzt der farblichen Reduktion reichlich Spannung verleihen. Auch hier stößt man im Grunde wieder auf ein zentrales Motiv: die Perspektive. Denn auch die Bildsujets der verschiedenformatigen Abzüge bringen die konventionsgeschulte Balance bisweilen ins Wanken. Unschärfen, Detailaufnahmen oder auch diverse Aufsichten variieren die ansonsten wie beiläufig, teils auf Reisen, teils in der unmittelbaren Umgebung entstandenen Fotografien – so wenig sie sich jedoch auf einen Nenner bringen lassen, so maßgeblich ist zugleich die hier angewandte Präsentationsform, nämlich die eines Ensembles.

In einem losen Verbund mit diesen ›Schauobjekten‹ stehen noch weitere Arbeiten: drei nach ähnlichem konzertanten Prinzip konzipierte Objekte, die dennoch ihren jeweils eigenen Bedingtheiten gehorchen. Fundstücke, die David Heitz in einen neuen Kontext einschreibt oder auch mit kleinen Ergänzungen versieht, kombiniert er mit Sockelkonstruktionen, was in diesem Zusammenspiel die ursprüngliche Zweckmäßigkeit der einzelnen Komponenten zu transzendieren ermöglicht. Die horizontal angebrachten Glasplatten stellen zum einen in der Durchsicht die eigene Materialität aus, zum anderen wird die räumliche Umgebung durch die Oberflächenspiegelung gleichsam eingefasst, was auch für das Antlitz des Betrachters gilt. Diese Simultaneität verschiedener Ebenen konnte man bereits bei den frühen Wandarbeiten beobachten, bei denen der Künstler in unzähligen Schritten schwarze und weiße Farbe abwechselnd auftrug, um durch Übermalung und Auslassung schließlich zu einem vielfach geschichteten Bildergebnis kommen. In diesen wie in jüngeren Arbeiten ist das prozessuale Moment entscheidend, da David Heitz die einzelnen Arbeiten oft unter Berücksichtigung der jeweiligen Gegebenheiten des Ausstellungsraumes modifiziert und auf diese Weise immer wieder ein Stück weit neu schafft.

Naoko Kaltschmidt