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Ingo Gerckens

geb. 1967 | lebt und arbeitet in Hamburg
Förderprojekt 1999


Charakteristisch für die Arbeit Ingo Gerckens ist, ganz banal gesprochen, sein Interesse an Bildern und hier im Besonderen an ihren Oberflächen und die damit verbundenen Wahrnehmungsmuster.

Als Ausgangspunkt seiner Arbeiten dienen immer Bilder, also „Images“, die in Ihrer Ausschnitthaftigkeit nur einen bestimmten Aspekt von wahrnehmbarer Realität widerspiegeln. Das photographische Abbild, ein Werbeplakat, Abbildungen in Zeitschriften, Bildschirmoberflächen im Computer.

In der Verknüpfung und Hinterfragung einzelner, den entsprechenden Medien anhaftender Aspekte und Eigenschaften  von abgebildeter Realität liegt nun die Essenz der Arbeit von Gerckens. Hierbei bewegt er sich bezüglich der Wahl seiner Sujets innerhalb der gesamten Bandbreite der ihm zur Verfügung stehenden Bilder, sprich „Images“. Er fühlt sich in seiner Auseinandersetzung keinem Medium verpflichtet, obwohl eine gewisse Affinität zu den Kategorien Film, Photographie und Malerei zu erkennen ist. 1993 beginnt er eine Kamera zu entwickeln, die es ihm ermöglicht,
sich im Grenzbereich zwischen Film und Photographie aufzuhalten. Das bewegte Bild, uns im allgemeinen bekannt als eine, sich über einen gewissen Zeitraum erstreckende, schnelle Abfolge von Einzelbildern,im Gegensatz zur Photographie,die immer nur einen, auf einen Bruchteil einer Sekunde reduzierten Aspekt von erfahrener Realität wiedergibt. Gerckens versucht nun alles zu zeigen was dazwischen liegt. Bewegung und Zeit werden sichtbar.
Mit seiner „Bewegungskamera“ ist er in der Lage einen Rollfilm, der von einem Motor stetig durch die Photokamera transportiert wird durchgängig zu belichten und so Bilder zu erzeugen, die jeglichen uns bekannten Wahrnehmungsmustern von Raum- Zeitrelationen entgegenstehen. Er „filmt“, bzw. „photographiert“ hier überwiegend Alltagssituationen, wie „Händewaschen“, „Treppensteigen“ oder einfach nur „Stilleben“.

Das klassische Bildgefüge eines abgebildeten Raumes z.B. wird aufgelöst zugunsten einer Horizontalprojektion, die den Faktor Raum in Verbindung mit dem Faktor Zeit auf eine völlig ungewohnte und für uns fremde Art und Weise erfahrbar macht. Gerckens hinterfragt so das Bild als Paradigma von abgebildeter Wirklichkeit auf seinen Wahrheitsgehalt bzw. überprüft seine Glaubwürdigkeit.

Was ist unsere Realität? Wem schenken wir mehr Glauben, der Landschaft oder dem Abbild von Landschaft? Wann wird die Darstellung von Landschaft zum Modell, wann entwickelt sie innerhalb ihrer Modellhaftigkeit ihre eigene Realität.Welche Rolle spielt diesbezüglich die Oberfläche eines Bildes?
Gerckens geht ganz spielerisch mit verschiedenen Qualitäten von Oberflächen um, wenn er z.B., kaum sichtbar, die Horizontlinie einer photographierten Landschaft vor einfarbig grauem Himmel, mit rotem Filzstift partiell nachzeichnet, und so eine kaum sichtbare doch stark erfahrbare Irritation herbeiführt.
Das gleiche gilt für seine mit Silicon überarbeiteten Photographien oder seine Objektkästen hinter Plexiglas.
Der Transfer der „Images“ in eine andere, dem Ausgangsbild fremde Materialität, führt zu einer Versinnlichung, die gewisse, von uns bereits adaptierte Wahrnehmungsmuster offenlegt, erfahrbar macht und in Frage stellt.
So beginnt Gerckens z.B. in seiner Arbeit „Windows 97“ die Systematik in der Anordnung von Bildausschnitten auf Computerbildschirmen zu assimilieren und überdimensional groß auf die Wand zu übertragen. Er integriert die Einzelbilder, nicht zuletzt durch ihre stark materialisierte Siliconoberfläche, in eine räumliche Situation und überführt sie in einen Wahrnehmungsbereich der nicht ausschließlich visuell erfahrbar ist. Er erreicht eine starke physische Präsenz der Bilder, die sich in diesem Moment als „materialisierte virtuelle Realität“ präsentieren.
Noch radikaler geht er vor, wenn er z.B. einen Baum in der Landschaft photographiert,einen Ausschnitt des erhaltenen Photos in der selben Landschaft mittels dünnen Seilen vor den real existierenden Baum montiert, diese Situation erneut photographiert und so zu einer Bildform gelangt, die auf Gestaltungsprinzipien der Computergraphik verweist, allerdings durch eine in der Photographie als Endprodukt erfahrbare starke Räumlichkeit auf den manuellen Entstehungsprozess hinweist.

Florian Schmid