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BRETZ/HOLLIGER

Künstlerduo
Förderprojekt 2009


Bernhard Bretz
geboren 1980 in Transilvanien, lebt und arbeitet in Berlin

2008-2009 Intermediales Gestalten, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Joachim Fleischer
2002-2003 Philosophie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
2001-2006 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Franz Ackermann und Prof. Leni Hoffmann


Matthias Holliger
geboren 1974 in Basel, lebt und arbeitet in Berlin

2007 Meisterschüler bei Prof. Franz Ackermann
2001-2007 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Franz Ackermann
2000 Lizentiatsarbeit über Bildraum und Narration in Bildern Andrea Mantegnas vorgelegt bei Prof. Gottfried Boehm
1994-2000 Studium in den Fächern Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur und Geschichte an der Universität Basel, Wien und in Florenz

gemeinsame Projekte seit 2002

Preise/Stipendien
2012 Cité Internationale das Arts, Paris
2011 Toni Merz Preis
2010 Werkbeitrag Kunstkredit Basel-Stadt
2009 Förderprojekt Columbus Art Foundation
Wettbewerb Klettpassage, Stuttgart (1. Preis)
Stiftung Kunstfonds Bonn
Werkbeitrag Kunstkredit Basel-Stadt
2008 Stiftung Kunstfonds Bonn
2007 Graduiertenstipendium Baden-Württemberg
Freies Kunstprojekt Kunstkredit Basel-Stadt
2006 iaab-Stipendium Rotterdam (Bernhard Bretz)
2005 Werkbeitrag Kunstkredit Basel-Stadt
2004 Reisepreis des Basler Kunstvereins
2003 Stipendium der Doms-Stiftung Basel (Matthias Holliger)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2012 Die Inklusionsmaschine, Kunsthalle Ravensburg/Columbus Art Foundation
Die Medienorgel_Episode 6, Kunsthalle Göppingen
2011 l'art en plein air, Motiers
2009 Medienorgel V, unpitched, Ferenbalm Gurbrü Station, Karlsruhe
50 Teile für eine unsichtbare Stadt, Ausstellungsraum Klingental, Basel
2008 Parallaxe, Kunstverein Arnsberg    
Der grosse Filter. Die Medienorgel II, bell street project space, Wien
Die Medienorgel Episode I, o.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern
2006 rotes raumschiff K-town, Kaiserpassage 2, Karlsruhe
2005 Jetzt gestern, morgen heute, Bahnwärterhaus, Galerien der Stadt Esslingen/Neckar
Im Rauschkanal, Poly Produzentengalerie Karlsruhe
2004 Rakete (Der Herr der Winde), Installation auf LKW
2003 Sicht_lange Sicht. EinTagAus-Stellung, Mucharaum, Karlsruhe
2002 Clear_Cut 409, Akademie Karlsruhe

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2012 Homunculus, Clerkenwell road, London
2011 im Tal – Stiftung Wortelkamp, Hasselbach
Schräge Sache – Verschiebungen aus dem Klassischen, Kunsthalle Ravensburg/Columbus Art Foundation
Toni Merz Museum, Sasbach
2010 Arcadia Hypnotics, Heusteigtheater der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart
Jeu à deux und Kenneth Melker, Swiss Art Awards Basel
Selfportrait upside down / BHFGHOW, Kunsthalle Ravensburg/Columbus Art Foundation
2009 imago femina serena / +10/2009 – shortlist Columbus-Förderprojekt, Columbus Art Foundation, Leipzig
Raute, Klettpassage, Stuttgart
Die Medienorgel IV, Zartbass, Grassereins, München
2008 Selbstportrait mit Bagger und Haus, Kunstraum Alexander  Bürkle, Freiburg i.Br. und Kunsthaus Baselland, Muttenz
Icon Building, Swiss Art Awards, Basel
Trinität, Mannheimer Kunstverein
2007 Major Mom. Die Medienorgel III, Academy of Fine Arts, Tianjin
Die kommunizierenden Röhren (l´artiste travaille), Meisterschüler der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Kunsthalle Mannheim
Zuhause ist es nicht immer am Schönsten, Kunstverein Marburg no culture icons, Tent, Rotterdam
Sacra Conversazione (roter Sonntag), UND#2, Autohaus Zschernitz, Karlsruhe
2006 Überwachungskanone, Galerie U7, Frankfurt
Ofen, Regionale 7, Kunsthaus Baselland, Muttenz
Die unendliche Reise des Herrn D., Kunstkredit Basel-Stadt Kunsthaus Baselland, Muttenz
Die Firma, Kurzschluss, erstes bundesweites Vernetzungsprojekt von
Kunststudenten, Stuttgart, Bad Cannstatt
2005 Walo´s Traum, Regionale 5, Kunsthalle Basel
2004 Das Herz des Bibers, DeRealize Karlsruhe, Badischer Kunstverein
2003 Lichtung , Badischer Kunstverein, Karlsruhe
Between today and tomorrow, Regionale 4, Kunsthaus Baselland


Katalogbeitrag zu ›+10|2009‹

Interview mit Johannes Keppler (August 2009)

JK: Was macht Ihr eigentlich?
B:  Die Realität begleiten und dabei stolpern.
JK:  Eine Art des Scheiterns?
B: Eine Art des in der Welt Seins. Das Stolpern erzeugt eine ungemeine Wachheit und man verortet sich im Raum notgedrungen immer wieder neu, ich denke das tun wir seit einigen Jahren.
M: Ja wir kreieren oftmals einen ganzen Pfad aus Stolpersteinen.
JK: Wie geht Ihr dabei vor?
M: Du meinst unsere Waffen?
JK: Die politisierte Welt scheint Euch ja nicht sonderlich zu beschäftigen - also mehr die Frage nach der Aneignung von Raum?
M: Er ordnet sich der Idee unter, so wie sich gute Politik den Bedürfnissen der Bürger unterordnet. 
JK: Eure Kunst ist ja auch eine Kunst der Begriffskonstruktionen. Welche Rolle spielt die Sprache in euren Arbeiten?
B: Unsere Arbeiten versuchen meist die vorhandene Welt zu reflektieren, indem Sie dabei Teil der jeweiligen Arbeit wird. Dabei spielt die Sprache die Rolle des Vermittlers.
JK: Zu Eurer Arbeitsweise. Ihr seid als Künstlerduo seit 2002 tätig. Wie einigt Ihr Euch auf der - nennen wir es vereinfacht - Baustelle? Spielt Demokratie da eine Rolle?
M: Demokratie zu zweit - wie soll das gehen?!
B: Es heißt ja auch Bretz/Holliger und nicht Holliger/Bretz! Ist Deine Frage damit beantwortet? (lacht)
JK: Ja, tatsächlich. Welchen Status hat das Konzeptuelle in Euren Arbeiten?   
B: Die Konzeptkunst hat bis Ende der 80`er Jahre eine sehr spröde und elitäre Ader gehabt. Ich denke wir sind Teil einer Generation die diesem Dogma mehr spielerisches zumutet. Die Antithetik in unseren Arbeiten - Object-trouvé und "Site-Specific-Object", Bild und Körper beispielsweise zielen eher auf eine Methode ab, die mit dieser Welt umzugehen hat. Konzeptkunst ist etwas anderes! Es geht mehr um die Ereignisse auf einem Stolperpfad. Wir reagieren auf unsere Umwelt, die Medien und darauf in welcher Lebenslage wir uns gerade befinden und kommunizieren über das was wir dabei sehen und empfinden.
JK: Das ist mir zu abstrakt!
M: Ist denn stolpern abstrakt?!
JK: Nein, aber über Ereignisse kann ich im jetzt stolpern, wie beim Zeitung lesen z.B. Nicht aber über das Ereignete. Darüber kann ich nur berichten, weil  es schon vorbei ist.
B: Bei uns fällt das zusammen. Im selben Moment weil es Öffnungen, Löcher und Risse gibt. Stichwort Koinzidenz. Zwei Zustände fallen zusammen: kaputt gebaut, der Knick in der Optik, das Original der Kopie usw. Und da fällt vielen nichts Besseres ein als das dann „Trash“ zu nennen. Meinen Müll muss ich aber nicht in einer Galerie abladen, dafür haben wir Therapeuten und Geschwister. Bei uns spielt mehr die Haltung gegenüber dieser Aneignung von Räumen, Geschichten und Zuständen eine Rolle.
JT: Also eher eine Methode zur Fixierung von Zuständen. Andere Frage: Ich sehe immer wieder „arme“ oder billige Materialien in Euren Installationen. Würdet Ihr mit 100.000 Euro Budget die selben Materialien benutzen? Ist das eine Low-Budget-Kunst oder einfach der Überrest einer Arbeitsweise von zwei Studenten, die den Sperrmüll aus Geldknappheit wählten?
B: Mit 100.000 Euro wäre die nächste Installation aus Schaumwein!
M: Die Scheiben aus gebogenem Plexiglas.
JT: Es hat also keinen soziokulturellen Hintergrund - wie man ja annehmen könnte bei Euren Biografien: der Eine im wirtschaftlich armen Rumänien, der Andere im goldenen Käfig Schweiz geboren?
B: Alle Methoden, und die Materialwahl ist eine Methode der Bildkonstruktion, führten uns bisher zu einfachen Bedeutungsträgern, die aus dem Alltäglichen entnommen sind. Vor allem der Zivilisationsschrott Number One: Plastik. Ich glaube es gibt nicht eine Arbeit ohne Plastik von uns, oder Matthias?
M: Ja, Plastik bzw. Kunststoff ist für uns so etwas wie ein Urelement in unserem Kosmos. Stichwort: Acrystal! Der unattraktive Alterungsprozess, die Geschwindigkeit, mit der dieses ganze Plastik unserer Umwelt innerhalb kürzester Zeit zu unbrauchbarem Müll wird, ist atemberaubend und es ist - einmal abgesehen von einer „Umweltdebatte“ - vielleicht das prägendste Material unseres Zeitalters. Das ist natürlich auch künstlerisch wichtig. Da ist das Öl drin. Da lässt sich eben viel darin ablesen. Wir evozieren damit Ereignisse die Reportagen ähneln.
JK: Die letzte Arbeit der Medienorgel (Episode 5) erschien mir diesbezüglich sehr komponiert und war in der Hinsicht mehr eine Bestandsaufnahme als eine Reportage. Was bedeutet Komposition für Euch - wo Ihr doch Beide Malerei studiert habt?
M:  Wie schon gesagt: die Komposition ordnet sich der Idee unter. Spannend wird es eher wenn die Komposition vom Betrachter verändert oder erst durch Ihn zu Stande kommt. 
JK: Gutes Stichwort: Welche Rolle spielt der Rezipient bei Euch?
B: Der Unbestimmbarste und Anonymste Teil einer Installation. Ich denke da manchmal an einen Versuch im Labor. Dann geht irgendetwas schief. Es kracht und explodiert. Die entstandene Verwüstung schaut sich dann der Rezipient an.  Er klopft höflich an die Labortür und läuft dann umher und fügt zusammen und räumt auf. Er sammelt und meint die Regeln ausgesprochen gut zu kennen. Er ist gesittet bis feige. Er hat das Messer in seiner Hand schon lange abgegeben. Er ist ruhig gestellt worden. Er hat schon alles über sich ergehen lassen und ist immer noch da. Bei uns ist er zudem der notorische Zu-Spät-Kommer. Allgemein ist er ein Spekulant der an der Kunstfront schnuppert und Informationen einholt. Wenn er stirbt können wir Künstler nach Hause gehen....
M: ... es geht um einen kurzen Moment, der den Prozess der Zerstörung schon vorwegnimmt. Hier trifft alles zusammen. Ein Staat wird ausgerufen und gleichzeitig löst er sich auf. Überall sind Löcher und Risse. Spuren der Zerstörung und Erneuerung. Jede Stadt hält es gut damit. Wir kreieren etwas, das von dem Augenblick des Entstehens an bereits die Merkmale des Zerschlagens in sich hat: kaputt gebaut eben!