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Frank Bölter

geb. 1969 in Lippstadt | lebt und arbeitet in Köln
Förderprojekt 2006

Frank Bölter hat die Auswahljury insbesondere durch seine Großprojekte „Little Boys“, „Auf großer Fahrt“ und „Haus – Savoir vivre“ überzeugt, die alle 2006 realisiert wurden. Alle Projekte zeichnen sich gleichermaßen durch ihre poetische Bildmacht wie durch ihre präzise Realisation unter den teilweise schwierigen Bedingungen des öffentlichen Raumes aus. Darüber hinaus basieren die genannten Projekte auf einer beeindruckenden, die klassischen Werkgrenzen hinter sich lassenden Kommunikationsleistung, die die Installationen ins Performative weitet.

Ausbildung
2004 Akademiebrief Freie Kunst
Meisterschüler bei Daniele Buetti 
seit 2003  Lehrauftrag Kunst an der Christian-Albrechts Universität zu Kiel
2001  Facultat de Belles Arts de la Universitat de Barcelona
1999  Diplom
Studium der Freien Kunst an der Kunstakademie Münster
1994  Studium der Visuellen Kommunikation an der Fachhochschule Münster
   
Einzelausstellungen 
2007  Geht doch!, Columbus Art Foundation, Ravensburg
Bis ans Ende der Welt,
Künstlerhaus Lauenburg
Living Chorweiler
, Köln
2006 Little Boys, Neues Kunstforum, Köln
Auf großer Fahrt von Citeaux nach Gravenhorst,
Kunsthaus Kloster Gravenhorst (K)
Auf großer Fahrt, Kunstverein Gelderland, Geldern
Haus – savoir vivre, Bürgerforum „Im Osteresch“, Bünde
2005  Galerie J. Mautsch, Köln
2004 Auf großer Fahrt, Wewerka Pavillon, Münster (K)
Summ – Fliegenlandungen in Münster, Kunstakademie Münster
En passant, Kunstakademie Münster
Umbilicus pulvisculus, Cuba, Münster
2002  Malerei, Galerie J. Mautsch, Köln
1999  Frank Bölter – Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Bielefelder Kunstverein
   
Gruppenausstellungen (Auswahl) 
2007  Luleas Summer Biennal, Luleâ, (Schweden) (K)
Generation 21, Künstlerhaus Lauenburg
The Art of Drive & Control, Münster
Ida-Gerhardi-Preis, Kunstverein Lüdenscheid (K)
Vorkaamer Gallery, Lier (Belgien)
Die Kunst der Begnung EPI-Zentrum, Köln
plan07, Köln
2006  Förderpreisausstellung der Kunstakademie Münster
GlückAuf, Galerie Neues Problem, Berlin
2005  Art meets drapery, Gut Altenkamp, Aschendorf (K)
KölnKunst 7, Colonius Carré, Köln (K)
2004  5. Saarpfälzischer Kunstpreis, Bexbach, 27.-29. August (K)
2003  evolutionäre zellen - selbstbeauftragtes Gestalten gesellschaftlicher Perspektiven, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e. V., Berlin (K)
2002  Ars Agazzi, Art Damer, Bergamo
Die milde Verlobung, Bielefelder Kunstverein
   
Preise und Auszeichnungen 
2007 Künstlerhaus Lauenburg
Künstlerhaus Schöppingen
Intenational Art Award Lulea Summer Biennal, Lulea (Schweden)
2006  Förderprojekt Columbus Art Foundation
Arbeitsstipendium Pilotprojekt Gropiusstadt, Berlin
2005  Projektstipendium Kunsthaus Kloster Gravenhorst
2003  Europastipendium der Kunstakademie Münster
1997  Lofoten, Aldegrever Gesellschaft, Münster
1996  Unter Tage, Aldegrever Gesellschaft, Münster

 
Projekte (Auswahl)

›Bis ans Ende der Welt‹

›Bis ans Ende der Welt‹ ist eine reale wie virtuelle Schiffsreise in einem Riesenpapierschiffchen entlang des historischen norddeutschen Kultivierungs-, Kolonialisierungs- und Versorgungswasserweges Elbe von Lauenburg über verschiedene Anrainerhäfen durch Hamburg in die Nordsee bis ans Ende der Welt. Im Logbuch www.bisansendederwelt.de können bei täglicher Aktualisierung Standort und Navigation verfolgt werden.

Mit Jugendlichen aus Lauenburg wird am 15. und 16. August auf der Hitzler Werft in Lauenburg streng nach der uns allen geläufigen Origamifaltanleitung ein 9 m langes Papierschiffchen gefaltet, bevor es am 23. August um 19 Uhr auf dem Werftgelände vom Stapel laufen wird. Anschließend wird es im Schleppverband mit anderen Schiffen die Elbe stromabwärts diverse Elbhäfen passierend über Hamburg und Cuxhaven gezogen, um seine Reise bis ans Ende der Welt zu vollenden.

„Bis ans Ende der Welt“ verweist neben seinem kunstkontextuellen Selbstzweck auf die historische Bedeutung der Elbstadt Lauenburg als Verkehrsmetropole zur Verschiffung von Handelsgütern stromabwärts (u. a. zur Hansestadt Hamburg) im Mittelalter und seine anschliessende durch die Abschaffung des Schifffahrtsmonopols im Jahr 1845 geschaffene Grundlage für die Industrialisierung der Stadt durch Werften und Reedereien.
“Bis ans Ende der Welt” veranschaulicht die Wirkung des wirtschaftlichen Kultivierungsweges der Elbe für Norddeutschland auf künstlerisch-spielerische Weise und rekultiviert die anliegenden Dörfer, Städte und Gemeinden durch die poetische Geste der Schiffsreise eines überdimensionierten Papierschiffchens.



›Haus – savoir vivre‹



›Haus - savoir vivre‹ ist die Erfüllung des allgemeinen Einfamilienhaustraumes ohne die Last der Verschuldung auf Lebenszeit und ermöglicht ein wieder entdecken von Bau- und Wohnkultur innerhalb eines gängigen Einfamilienhaus-architekturkonzepts.

Nicht die zu erstellende Skulptur des Papphauses ist das vordergründige Ziel des Projekts, sondern ein kollektiv erarbeiteter Erfahrungswert innerhalb einer künstlerischen und damit scheinbar zweckfreien Beschäftigung. In einer architektonisch geprägten Baukultur, die den Räumen zwischen den „Wohnobjekten“ kaum Beachtung schenkt, soll ein sozialer und kultureller Zusammenhalt evoziert werden, der die „Bausünden“ erträglich gestaltet und die Zwischenräume mit sozialem Mörtel füllt. Die aktive Beteiligung der Nachbarschaft, die beim Bau des Wellpapphauses um Unterstützung ersucht wird, soll den „spiritus vicinitas“, den Nachbarschaftsgeist wecken, der nach Studien über „SozioBaukulturellen Pluralismus“ der Uni Berlin (Pilotprojekt Gropiusstadt) in Siedlungen mit uniformer Grundflächen- und Baukörperstruktur ruht.
Das Papphaus wird nach Fertigstellung der Nachbarschaft übergeben und steht mit seiner skulpturalen Erscheinung und seinem Raum spielenden Kindern/Flaneuren/Obdachlosen zur freien Verfügung. Im architektonischen Dialog mit den „richtigen“ Häusern Alpha der Siedlung hinterlassen Witterungseinflüsse ihre Spuren, wie auch eine Inbesitzname von spielenden Kindern oder anderen. Die „Lebenszeit“ eines typischen Einfamilienhauses ist verkürzt wahrnehmbar, das Papphaus erscheint in zeitlichem Wettbewerb mit den Nachbarhäusern stehend. Aufgrund der Vielschichtigkeit und seiner sozialen Ausrichtung ist das Projekt „Haus – savoir vivre“ vom Kreis Herford zur Realisierung ausgewählt und mit dem Kunstpreis „Kunst und Industrie“ ausgezeichnet worden. Aufgrund seines lokalen Charakters und seiner Prozessorientierung erfordert die Realisierung von „Haus – savoir vivre“ eine synergetische Zusammenarbeit aller beteiligten Parteien (Bsp. „Haus – savor vivre“ in Herford-Bünde: Anwohner, B&S Bünde, Fa. Wellkarton, Kreis Herford, Berufsgenossenschaft Bau usw.).



›Auf großer Fahrt von Citeaux nach Gravenhorst‹



›Auf großer Fahrt von Citeaux nach Gravenhorst‹ ist die ca. 600 Seemeilen lange Schiffsreise entlang der europäischen Kultivierungs- und Kolonialisierungswasserwege Saône, Canal de l’est, Moselle, Mosel, Rhein, Rhein-Herne-Kanal, Do.-Ems-Kanal ausgehend vom Zisterziensergründungskloster Citeaux zum ehemaligen Tochterkloster „Kunsthaus Kloster Gravenhorst“ mit einem Riesenpapierschiff, gefaltet aus Tetra-pac und anschließender Reisedokumentation im Kunsthaus Kloster Gravenhorst.

Das Schiff wird mit Mönchen des Klosters Citeaux gefaltet, um anschließend an der in unmittelbarer Nähe fließenden Saône vom Stapel zu laufen. Das Faltboot wird von Hausbooten, Paddel- und kleinen Segelbooten sowie von Binnenschiffen über die mitteleuropäischen Wasserstraßen Saône, Canal de l’Est, Moselle/Mosel, Rhein, Rhein-Herne-Kanal, Dortmund-Ems-Kanal und Mittellandkanal nach Gravenhorst gezogen bzw. befördert. Die Ausstellung des Schiffes mit Reisedokumentation durch Log- und Reisetagebuch in Gravenhorst bildet den Abschluß des Projektes. Über das im Vorfeld zu erstellende Internetportal www.aufgroßerfahrtvonciteauxnachgravenhorst.com kann die Schiffsreise bei täglicher Aktualisierung (Standortbestimmung/Navigation/Logbuch) verfolgt werden. Besucher des Kunsthauses Kloster Gravenhorst werden über einen im Foyer des Kunsthauses zu installierenden Terminal auf das Projekt aufmerksam gemacht und über den Verlauf der Schiffsreise und den aktuellen Standort des Schiffes informiert.
„Auf großer Fahrt von Citeaux nach Gravenhorst“ veranschaulicht die Kultivierung Europas durch die Leistungen der Orden und Klöster spielerisch-sinnlich in einem Reiseprojekt eines Riesenpapierschiffes und ist angelehnt an den europäischen Gedanken der ersten Stunde. Ziel des Projektes ist die Integration von „kunstfernen Institutionen und Personen“ (Orden, Wasser- und Schifffahrtsämter, Wasserschutzpolizei, Urlaubsreisende, Binnenschifffahrtskapitäne, Segelschüler usw) in einen kunstimmanenten Erfahrungsprozess.

„…In einem Land voll Überfluß und Reichtum trifft Brandaan die Walscheranden an, Menschen mit Wolfszähnen, Schweineköpfen und Hundepfoten. Obwohl er zuerst nicht glauben will, dass sie Gott kennen, muss er es später zugeben. Dann begegnet er einem winzigen Menschen, der auf einem Blatt haust und dessen Aufgabe es ist, das Wasser des Meeres zu messen. Nachdem das Schiff von einem riesigen Fisch bedroht worden ist, erreicht Brandaan in gewaltiger Hitze das Ende der Welt. Unter dem Wasser läuten Glocken, wandeln Menschen und singen Vögel. Schließlich ist das Buch Brandaans, in dem er Gottes Wunder niedergelegt hat, vollendet: Er fährt nach Hause und sein Buch wird auf den Altar gelegt…“(„Navigatio Sancti Brandani“, dtv, Kindlers Literatur Lexikon).

Um der Idee der frühen Missionsreisen (Brandaan, ca. 480 bis ca. 575) gerecht zu werden, sollen Personen und Personengruppen „spontan und zufällig“ in das Projekt eingebunden werden. Es ist der Versuch, Menschen unmittelbar für dieses Kunstprojekt zu begeistern und sie für einen Beitrag zur Projektrealisierung zu gewinnen. Der typischen Gewässernutzung entsprechend werden Hausbootreisende gebeten, das Papierschiff über den Wasserwanderweg Saône und den anschließenden Canal de l’Est zu ziehen. Auf Mosel und Rhein fahrende Paddler und Kleinschiffe sollen motiviert werden, das Schiff über „ihren“ Fluss zu ziehen. Binnenschiffe werden genutzt, um das Papierschiff über den Rhein-Herne-Kanal, Dortmund-Ems-Kanal und Mittellandkanal nach Gravenhorst zu ziehen bzw. zu transportieren.
Die durch die spontane Anschauung eines schwimmenden Riesenpapierschiffes hervor gerufene Begeisterung soll genutzt werden, um die Menschen zu einem persönlichen Engagement zu bewegen. Es soll Freiraum geschaffen werden, um „Unvorhersehbares“ und „Zufälliges“ zu ermöglichen. Der hierbei erzielte Wert ist ein auf der Reise gewonnener Erfahrungswert der am Projekt involvierten Personen, unabhängig vom rechtzeitigen Erreichen des Bestimmungsortes Kunsthaus Kloster Gravenhorst. Die „Auf großer Fahrt“ erlebten Ereignisse und Begegnungen werden auf der Internethomepage veröffentlicht. So entsteht ein an die Legende vom hl. Brandaan angelehntes filmisches, fotografisches „Reisetagebuch“, dass mit dem Papierschiff im Anschluss an die Reise im Kunsthaus ausgestellt wird.

“Auf großer Fahrt von Citeaux nach Gravenhorst“ wird vom Kunsthaus Kloster Gravenhorst, den Kulturämtern der an der Reiseroute gelegenen Kommunen, sowie vom „Verein der Freunde und Förderer der Kunstakademie Münster“ gefördert. Die kooperierenden Vereine, Ruder- und Segelschulen und Behörden finden über das während der Reise entstehende virtuelle Reisetage- und Logbuch sowie Foto- und Filmmaterial Eingang in die auszustellende Projektdokumentation und werden zur abschliessenden Ausstellung ins Kunsthaus Kloster Gravenhorst eingeladen.
Gemäß dem frühen Wallfahrtsgedanken „Peregrinatio pro Deo“ ist das Ziel des Projektes, „unterwegs zu sein“. Man ist so lange unterwegs, bis man die Glückseligkeit gefunden hat. Die Reise ist auf 23 Tage terminiert. Es handelt sich um einen Schätzwert. Wie Sie der Projektbeschreibung entnehmen konnten, soll dieses Projekt Freiraum für, um in Mystik und Metaphysik der Legende des hl. Brandaan zu verbleiben, Begegnungen mit den „Walscheranden“, deren Unterstützung ich auf der Reise gewinnen will, beinhalten. In diesen Unwägbarkeiten liegt der Reiz des Projektes. Dem Risiko „des Scheiterns“ der Vollendung des Reisevorhabens steht der gewonnene Erfahrungs- und Anschauungswert aller beteiligten Personen entgegen. Ein „Erfolg“ ist folglich nicht gebunden an ein Erreichen des Zieles Kunsthaus Kloster Gravenhorst. Ein „Erfolg“ von „Auf großer Fahrt von Citeaux nach Gravenhorst“ wäre das Erzeugen von Begeisterung für und die Involvierung von vielen Personen in das Projekt. Sollte das Schiff Schiffbruch erleiden, kann zur Not auch mit Hilfe von wohlwollenden Eingeborenen ein zweites gebaut werden. Die bisher bei den vielen notwendigen Telefonaten und Gesprächen gefundene spontane Unterstützung, die dieses Projekt bei Behördenmitarbeitern wie bei Kindern auslöst, treiben dieses Projekt schon in der frühen Vorbereitungsphase voran und ermutigen zu einer Realisierung in naher Zukunft. Teil des Projektes ist, wie bereits oben erwähnt, eine Abschlusspräsentation im Kunsthaus Kloster Gravenhorst, die unabhängig von den zum Teil unvorhersehbaren Ereignissen „unterwegs“ stattfinden soll. Die dort präsentierten Dokumente sollen erzählen „von den Walscheranden und vom Ende der Welt“.