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Annett Bienhaus

geb. 1972 in Stuttgart | lebt und arbeitet in Karlsruhe
Förderprojekt 2005

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Ausbildung
2004 Diplom an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste
Meisterschülerin bei Prof. van Warmerdam
1999-2004 Studium der Freien Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Antes, Prof. Kluge, Simone Westerwinter, Antje Majewski, Prof. Wasmuht,
Prof. Ackermann, Prof. Dorner und Prof. van Warmerdam
 1997-1998 Studium der Kunsterziehung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Gross

Preise/Stipendien
2009 Forum Kunst, Förderprogramm des Regierungspräsidiums Karlsruhe
2005 Auslandsstipendium der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe im Rahmen des Graduierten Stipendiums des Landes Baden-Württemberg
Förderpreis Columbus Art Foundation Ravensburg
2003 Preisträgerin bei der Winterausstellung der Akademie Karlsruhe

Einzelausstellungen
2010 Zwischen Baum und Borke, Gesellschaft der Freunde Junger Kunst, Altes Dampfbad Baden-Baden
2009 Der Regen und das Meer, Museum und Galerie Engen
2007 Annett Bienhaus Malerei, Klinikum Langensteinbach
2006 Mondfrost, Galerie Antje Wachs, Berlin
2005 Annett Bienhaus Malerei, Art Consulting Gallery, Neustadt

Gruppenausstellungen
2010 schrägterrain, Columbus Art Foundation, Spinnerei Leipzig & Kunsthalle Ravensburg
2009 Which Way Berlin-LA?, Phantom Gallerie, Los Angeles
Feuillage, mit Ingrid Rodewald, L6, Freiburg
Forum Kunst, Regierungspräsidium, Karlsruhe
2008 Which Way Berlin-LA?, Pharmaka Gallerie, Los Angeles
2007 UND#3, Versorgungswerk, Karlsruhe
2006 anders sehen, Columbus Art Foundation, Ravensburg
Maison du Fada, Installation in der Poly Produzentengalerie mit Ingrid Klausner und Andrea Hartinger
2005 Meisterschülerausstellung 05, in der Akademie Karlsruhe und dem Kunstverein Heidelberg
2004 Malerei 2004, Galerie U7, Frankfurt
Best off, Galerie U7, Frankfurt
150 Jahre Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
2003 Frische Brise, Orgelfabrik, Karlsruhe-Durlach
2002 La Fortaleza, Klasse Balkenhol mit Prof Balkenhohl, Galerie Schloss Fachsenfeld, Aalen



Metier und Milieu

Zur Malerei von Annett Bienhaus

„Es ist schade“ so schiebt Denis Diderot im Salon von 1769 seinem malerischen Favoriten Jean-Baptiste Siméon Chardin eine leise Kritik unter, „dass Chardin seine Manier auf alles überträgt und dass sie beim Übergang von einem Gegenstand zum anderen manchmal plump und schwerfällig wird. Sie verträgt sich ausgezeichnet mit dem undurchsichtigen, stumpfen und starren Charakter lebloser Gegenstände; aber sie verträgt sich schlecht mit der Lebendigkeit und Feinheit von Gegenständen, die Empfindung haben.“
Ein Jahrhundert später schlägt Emile Zola in die gleiche Kerbe, um der Manier Edouard Manets habhaft zu werden, allerdings nun mit gänzlich positiver Beurteilung: „Er behandelt die Figurenbilder“, schreibt Zola in seinem Essay Edouard Manet. Eine biografische und kritische Studie von 1867, „wie es an den Schulen nur für Stillebenbilder erlaubt ist; damit will ich sagen, dass er die Figuren vor sich hin plaziert, ein wenig nach dem Zufallsprinzip, und sich anschließend nur darum bekümmert, sie auf der Leinwand zu fixieren, wie er sie sieht - mit den lebendigen Gegensätzen, die sich ergeben, wenn sie sich voneinander abheben. Verlangen Sie von ihm nichts anderes als eine Übersetzung von buchstäblicher Genauigkeit.“ Julius Meier-Graefe schließlich sieht in seiner Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst von 1914 Manet nochmals genauso: „Alles, was er damals malte, auch die Landschaften, die Bildnisse, die Marinen und die köstlichen Dampfer mit den bunten Passagieren, waren Stilleben.“
Das Stillebenhafte, so scheint es, ist eine Grundbedingung für die Malerei der Moderne. Im Konstatieren dessen, was da ist, und etwas anderes steht einer Zeit, die die großen Wahrheiten ad acta gelegt hat, sowieso nicht zur Disposition, werden die Dinge eingefroren. Stilleben sind Stillstellungen, und die Phänomene der Welt stellen sich auf zur Inventur dessen, was es alles gibt. Da ist es nur folgerichtig, diesem Sachverhalt einfach stattzugeben und die bildnerischen Anordnungen so zu treffen, dass das stille Leben der überhaupt nicht toten Natur gleich zur Kenntlichkeit kommt.
Annett Bienhaus malt also Stilleben. Sie malt Stilleben, auch und gerade wenn sie Tiere in den Fokus rückt und sie in ihrer Umgebung festhält, in ihrem Milieu, dem Biotop, das ihnen angestammt ist.  Ein Holländer der Barockzeit namens Jan Davidz de Heem hat, wie sie selbst sagt, ihre Arbeit geprägt, und womöglich entspricht dieser Rückgriff auf eine Tradition der Fachmalerei, in der es Spezialisten für jedes Sujet und für alle Motive gab, einer sehr entschiedenen künstlerischen Strategie. Und doch ist das Stilleben bei Annett Bienhaus mehr als eine malerische Gattung. Es steht für nichts anderes als eine Weise von Weltaneignung.
In der Organisation von Oberfläche kommen die Welt und die Bilder, die man sich von ihr macht, zusammen. Annett Bienhaus nähert sich den Dingen über ihre Phänomenalität. Es ist etwas anderes als der Schein und etwas anderes als das Sein, es ist die Erscheinung in ihrer Buntheit, ihrer Schilerndheit, in ihren optischen Sensationen und visuellen Attraktivitäten, die sie sich vornimmt. Im Blick auf das Kleine eröffnet sich das Große und im Detail scheint die Ganzheit auf. Die Leaves of Grass, wie Walt Whitman den Gedichtband nannte, der ihn berühmt machte, beinhalten eine Welt. Eine Malerei, die ihrer selbst bewusst ist, bekennt sich dazu, dies und genau dies für ihr Metier zu halten. Daraus resultiert, wie Zola es nannte, eine Übersetzung von buchstäblicher Genauigkeit.

Rainer Metzger


Bild, Begriff und Buntspecht

›Überall ist Wunderland‹, weshalb der Blick von Annett Bienhaus auch nicht in exotische Fernen schweifen muss. Ihre Bildwelten findet sie quasi vor der eigenen Haustür, vor allem im europäischen Kunstmuseum und mehr noch in der einheimischen Flora und Fauna. Die Tiere in Bienhaus’ Bildern sind eben keine Exoten, sondern eher unaufregende einheimische Arten – zumeist nicht mal bedroht. Selbst eine symbolhafte, kulturgeschichtliche Aufladung kommt eher selten ins Spiel. Das macht diese Bildwelten nicht weniger verwunderlich, ganz im Gegenteil.
Möchte man zunächst einfach den Begriffen folgen, also den sieben Schmetterlingsflügel, dem Fuchs, dem Buntspecht, den Pilzen, dem entwurzelten Baum, die wir in ›Überall ist Wunderland II‹ (Abb. Seite 12) sofort wieder erkennen, so scheint man schnell fertig zu sein mit seiner Arbeit am Bild. Die Begriffe jedoch lassen sich nicht zu einer Story verdichten. Es passt einfach nicht zusammen. Das provoziert umso mehr als zumindest aus der Ferne der Naturalismus der Darstellung eher an die Strenge eines naturkundlichen Lehrbuches denken lässt. Aber das, was das Auge wieder erkennt, gehört so – zumindest außerhalb des Bildes – nicht zusammen, macht keinen Sinn. Und auch als Bild scheint der Zusammenhang keinesfalls selbstverständlich.
Dieses erste Erleben des Nicht-passen-Wollens verstärkt sich noch im Hinblick auf die Malerei als Malerei. In diesem Bild sind es die unbehandelte Leinwand, Holzbuntstift und Ölmalerei die zusammen kommen, ohne sich zu einer Einheit zu fügen. Bienhaus zeichnet, malt, gießt, tröpfelt und lässt viel freie Fläche in diesem ›Wunderland‹. Während die Machart der Tiere noch ganz in ihrer Gegenstandbezeichnenden Funktion aufgeht, kann sich die Malerei des Baumes vor allem in der Nahdistanz zur reinen Malerei ohne jede Gegenstandreferenz verselbständigen (siehe Detail auf Seite 10). Die Dichte und die Radikalität dieser Malerei kontrastiert mit der provokanten Entleerung der Leinwand. Weite Flächen bleiben gänzlich unbehandelt, andere wiederum wirken wie nachlässig grundiert, hinterlegen den entwurzelten Baumstamm mit einer hellen Aura. Beide bildnerischen Maßnahmen setzen deutliche Signale gegen ein rein wieder erkennendes Sehen dieser Bilder.
Bienhaus führt in ihren Bildern unterschiedliche europäische Bildtraditionen zusammen. Das gewählte Großformat bsplw. unterläuft eine zunächst aufgrund der Bildsujets nahe liegende Zuordnung zur Stillebenmalerei. Zwar nennt auch die Künstlerin selbst als Referenz Stillebenmaler wie Jan Davidsz. de Heem (siehe Abb. auf dieser Seite), aber das Großformat erinnert ebenso die Bildgattung Landschaft; zum Beleg sei auf die nur wenig früheren Werke wie ›Burner‹ oder auch ›Überall ist Wunderland‹ verwiesen (siehe Abb. auf den Seiten 9 und 16 f). Das Stillebenhafte drängt sich erst mit den entleerten Leinwänden in den Vordergrund. Diese Leere zwischen den Dingen wird zur nicht aufzulösenden Herausforderung für das Auge. Man will den Dingen die bekannten Namen geben, sie schlüssig in Beziehung setzen und muss feststellen, dass dies nicht länger funktioniert. Bienhaus’ Malerei steht nicht für die Negation des begriffsbestimmt Gewussten in Bezug auf die Dinge selbst. Sicher aber entwirft ihr Wunderland „keine einheitliche idyllische Welt“, sondern sucht „nicht nur bei den Motiven, sondern auch in der Malerei nach Brüchen und Kontrasten.“ (Annett Bienhaus) In diesen Brüchen verlieren sich vorgewusste Sinnzusammenhänge zwischen den so leicht wieder erkannten Dingen. Die so entstehenden Offenheiten gilt es auszuhalten.

Jörg van den Berg



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