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Jörg Baier

geb. 1975 in Darmstadt | lebt und arbeitet in Karlsruhe
Förderprojekt 2005

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Ausbildung
2003 Meisterschüler bei Professor Erwin Gross
1996-2002 Studium an der Kunstakademie München und Karlsruhe
   
Stipendien
2005  Förderpreis der Columbus Art Foundation
2004 Landesgraduiertenstipendium Baden-Württemberg
2003 Förderpreis der Stadt Fürstenfeldbruck
   
Ausstellungen (Auswahl)
2011 Spleen und Ideal, V8 Plattform, Karlsruhe (solo)
Fortuna, Galerie E105, Berlin
2010 switch!, 'bei Bogner' zu Gast im Bahnwärterhaus, Galerien der Stadt Esslingen a. N.
schrägterrain, Columbus Art Foundation, Spinnerei Leipzig & Kunsthalle Ravensburg
2009 Das Bielefelder Gefühl, Bielefelder Kunstverein
Artists in Residence, Gellerstrasse 14, Karlsruhe
2008 Things should start to get interesting right about now, Kuttner Siebert Galerie, Berlin
Kleinere Arbeiten, Raum 500, München
De Overslag 2006-2007, Stiftung De Overslag, Eindhoven, NL
2007  Park, Kunstverein Hasselbach e. V.
Regionale 8, Musée des Beaux-Arts, Villa Steinbach, F
finish, ehem. Autohaus Zschernitz, Karlsruhe
Die unsichtbare Sonne, Kunsthaus L6, Freiburg (solo)
2006  Stiftung De Overslag, Eindhoven, NL
anders sehen, Columbus Art Foundation, Ravensburg
Regionale 7, Kunsthalle Basel, CH
2005  Flora und Fauna - ein Laboratorium der Künste, Kunstverein Landau
Beyond, beneath, behind, Codex-Partners, München
Regionale 6, Kunsthaus Baselland, Basel, CH
2004 Implosion, Raum 500, München
Ausstellung der Preisträger, Förderpreis der Stadt Fürstenfeldbruck, Kulturwerkstatt HAUS 10, Fürstenfeldbruck
2003 Meisterschülerausstellung, Kunsthalle Baden-Baden
Kunstpreis Junger Westen, Kunsthalle Recklinghausen
gläserne Bäume, Poly, Karlsruhe (solo)
2002 fiktive Orte, Poly, Karlsruhe
à la pointe de l´ouest, La Galerie. Ecole Supérieure des Beaux–Arts de Cornouaille, Quimper, FR

Alte Meister, geblitzt
Oder: It’s all an illusion

Ein Kulissenentree aus drapierten Stoffen und kopfstehenden Rasenstücken. Amorph zugeschnittene Landschaftsfragmente. Am Horizont: „Giorgione“. Der entleerte Himmel darüber ein Blick durch die Belichtungsplatte des Kopierers.

Kompositräume wie diesen entwickelt Jörg Baier aus dem Fundus der Kunstgeschichte. Er ist fasziniert von Altmeistern wie Albrecht Altdorfer oder Fragonard, von einzelnen Motiven und Bildlösungen wie allgemein von der Künstlichkeit ihrer Bildwelten. Ihre Gemälde – im Zeitalter massenhafter Reproduktion für jeden verfügbar – unterzieht er einem Prozess der Fragmentierung, er isoliert und extrahiert mit Hilfe von Kopiergerät und Schere. Fügt er die Versatzstücke zusammen, so vermeidet er mit sicherem Gespür das Eindeutige. In der Montage von Vorhangmotiven klingen die leeren Bühnen eines Giorgio de Chirico, die geheimnisvoll angespannten Räume der Pittura Metafisica an. Giorgiones nach der Natur gemalter und doch so artifizieller Kosmos entwickelt in Baiers Collage ein Eigenleben: Diesseits der Grenze, die der Buchrücken mit der Aufschrift des Künstlernamens markiert, entfaltet sich auf einer surreal anmutenden Raumbühne ein neues Bild.

Die Collagen aus schwarz-weiß kopierten Abbildungen haben seit etwa zwei Jahren als selbständige Bildform ihren Platz in Jörg Baiers Werk. Sie sind Experimentierfeld und visuelles Labor, in dem er parallel zu den Grafit- und Buntstiftzeichnungen und in Fortführung seiner zeichnerischen Interessen Bildideen entwickelt und in Varianten umsetzt. Viele der großformatigen Zeichnungen teilen mit den Collagearbeiten deren Konstruiertheit: die komplexen Strukturen von Bildräumen, die sich nicht unmittelbar dem Auge erschließen. Menschenleere, von markanten Bäumen überstandene, durch dichte Vegetation oder ruinöse Architektur nach hinten abgeschlossene Landschaften versperren sich eher dem Betrachter, als dass sie ihn zum Betreten einladen würden.

Ein mehr oder weniger deutlich gezogener Horizont ermöglicht zwar in den meisten Zeichnungen eine gewisse Navigation innerhalb des Bildraumes und gibt Halt angesichts der Fülle der überbordenden Formen. Dennoch erscheint der Raum diskontinuierlich, gebrochen. Die Vordergründe bleiben merkwürdig vage: In Verkehrung der optischen Verhältnisse von Nähe und Ferne werden sie generalisierend, fast abstrakt behandelt, während sich im Mittel- und Hintergrund Vegetation detailreich entfaltet. Es bleibt unklar, ob die hier unregelmäßig mäandernden, dort fleckig verteilten und unter Verwendung des Radiergummis verwischten Schraffuren im Vordergrund als Schatten oder als Spiegelungen im Wasser zu interpretieren sind. Diese Offenheit in der Zeichnung signalisiert das Gegenteil von „festem Boden“.

Jörg Baier behandelt die Zeichnung durchaus als ein sperriges Medium, das sich einer oberflächlichen Rezeption entzieht. Das Resultat seiner Verunklärung der Räume ist eine dezidierte Künstlichkeit, die noch weiter betont wird durch auffällige (teils an Max Ernst erinnernde) Frottage-Texturen und bewusst eingesetzte Unregelmäßigkeiten in der Strichführung, vor allem aber durch eine Farbskala, die sich weit von den „natürlichen“ Lokalfarben entfernt. Zudem bleibt neben und zwischen den bezeichneten Flächen immer wieder das Weiß des Papiers stehen und erinnert – ähnlich wie die neutralen grauen Flächen der Leerkopien in den Collagen – an den Entstehungsprozess, die künstliche Konstruktion des jeweiligen Bildes. Der Künstler trifft auf verschiedenen Ebenen Vorsorge gegen die Entstehung eines einheitlichen, glatten Illusionsbildes.

Dem Betrachter verschafft Jörg Baier eine Distanz, die ihm kaum erlaubt, in die Zeichnungen einzutauchen, sich darin zu verlieren wie in einem Tagtraum. Stattdessen steht dieser immer wieder vor der Notwendigkeit, sich zunächst des Sichtbaren und dann seines eigenen Standes in ihm zu versichern. Einige jüngere Arbeiten, düstere Visionen von vergangenen oder zukünftigen Ruinenstädten, sind durchgehend ambivalent. Ästhetisch zwischen Piranesis phantasmagorischer Archäologie und Fritz Langs expressionistischen Filmkulissen angesiedelt, dominiert in ihnen gegenüber der leuchtenden Palette früherer Zeichnungen der schwarze Grafit. Die Blätter zeigen über Plastikgittern und ähnlichen Fundstücken durchgeriebene Strukturen, die in der Wahrnehmung zwischen räumlicher Architektur und flacher Kulisse changieren. Das, worin man zunächst vielleicht einen Grundriss zu erkennen glaubte, erscheint im zweiten Blick als Ansicht von Mauern und zerfallenden Treppenläufen. Die in der Auflösung begriffene Architektur ist unglaublich transparent, in alarmierendes Gelb getaucht und wird als solche erst durch ihr Umfeld überhaupt definierbar, durch im Schwarzen zu vermutende Vegetation und einen in dichten Schraffuren geschlossenen Himmel. Auf frappante Weise wird das Generalthema des Ruinengenres, das Kommen und (Ver)gehen, formal umgesetzt und im Wahrnehmungsprozess nachvollziehbar: Die verstörende Diffundierung von Positiv und Negativ, Architektur und Hintergrund, lässt an den Grenzen des Gegenständlichen das spontan Erkannte im nächsten Moment wieder verschwinden. Eine Synthese bleibt der Künstler schuldig. Damit fordert er aber den Betrachter heraus: Ein schlüssiger Bezug zwischen den formal widersprüchlichen und inhaltlich widerstreitenden Elementen von Architektur und Natur kann sich nur in seinem Kopf einstellen.

Hierin liegt der kategoriale Unterschied zu jenen Landschaften des 15., 16. oder 18. Jahrhunderts, eines Altdorfer, Giorgione oder Fragonard, in denen man sich – ist man nur etwas geübt – mit fast traumwandlerischer Sicherheit bewegen kann. Der dem Betrachter zugedachte Anteil ist dort im Wesentlichen auf die Deutung der gängigen Staffageszenen beschränkt. Doch weder Eremiten noch Blindekuh-Spieler finden sich unter Baiers Bäumen ein, die Landschaftsbühne ist entleert. Einzelne Naturmotive hat sich der Zeichner so gründlich angeeignet, dass sie kaum als Zitate (wieder) zu erkennen sind. Wo etwa ein mit Flechten besetzter, halb abgestorbener Baum der Donauschule oder die künstliche Garten-Natur des Rokoko mit ihren Wasserspielen noch als ferne kunsthistorische Erinnerungen nachklingen, sind diese hier aber in ganz eigenartig leuchtende Naturvisionen eingebunden.

Wie im Licht eines in diesem Moment und in unmittelbarer Nähe einschlagenden Blitzes zeigt Jörg Baier in der Zeichnung mit dem programmatischen Titel „It’s all an illusion” (2005) einen von Fragonard geborgten Baum. Er steigert die Farbigkeit Fragonards ins Irreale. Strahlend hell erscheint der Baum im Kontrast zu den kühlen Blau- und Violetttönen einer dahinter liegenden Kaskade: zugleich entmaterialisiert und energetisch aufgeladen. Im Gegensatz zum systematisch abtastenden Licht des Kopiergerätes lässt dieser Blitz von dem Baum nicht mehr als eine grelle, ins Negativ gekehrte Hohlform erkennen. Oder könnte das Dargstellte ein Nachbild des im Blitzlicht Wahrgenommenen widergeben, jenes optische Phänomen, das wir der Trägheit unserer Retina zu verdanken haben? Der Künstler hätte einen Lichteindruck festgehalten, der nach der blitzartigen Lichteinwirkung für etwa 1/20 einer Sekunde auf der Netzhaut verbleibt – einen flüchtigen Eindruck, der in der Folge zwar nur als Vorstellungsbild weiter besteht, deswegen aber seinen Bezug zum Gesehenen nicht verliert. Im Übertragenen: Geht es in der Kunst nicht vor allem um die Visualisierung solcher Eindrücke? Und passiert nicht auch das Gleiche beim Durchblättern eines Bildbandes („Giorgione“)? Flüchtig begegnen wir Werken der Kunstgeschichte, die als fotografische Reproduktionen schon für sich genommen Nachbilder sind.

Die mehr oder weniger eindrücklichen Nachbilder unseres mittelbaren Kunsterlebnisses aber tragen wir weiter mit uns herum. Und wir projizieren diese wiederum auf reale Landschaften, die wir sehen. Die Leinwände hierfür – und ist es auch nicht der kaleidoskopartig schimmernde Vorhang eines Wasserfalls – hält die Natur bereit. Jörg Baiers Ein-Bildungen vorgängiger Landschaftsmotive belegen mit der Nachhaltigkeit des altmeisterlichen Bildfundus auch eine Grundkonstante der Wahrnehmung als subjektives Konstrukt: Sie führen vor, wie sich im Landschaftserlebnis erinnerte (Nach)Bilder und auf der Realität gründende (Vorstellungs)Bilder zu einer komplexen Imagination des Gesehenen verschränken.

Fritz Emslander